Stefan Baumann arbeitet seit mehr als vier Jahren am FiBL in der Schweiz im Departement für Bodenwissenschaften in verschiedenen Klimaprojekten. Zudem ist er bei Landwirtschaft Aargau, der Landwirtschaftsbehörde des Kantons, für die Betreuung von Klimaprojekten zuständig. Das FiBL und der Kanton Aargau arbeiten zusammen an einem Forschungsprojekt zur Nutzung von Agri-Photovoltaik (Agri-PV) im Obstbau, im Ackerbau und auf Weideland, welches Stefan Baumann leitet.
Seit 2022 ist es auch in der Schweiz möglich, Photovoltaik-Anlagen auf landwirtschaftlichen Nutzflächen zu bauen. Voraussetzung ist, dass sie nicht nur Strom produzieren, sondern auch einen nachweisbaren Vorteil für die landwirtschaftlichen Kulturen bringen. Was ist da realistisch zu erwarten?
Die Pflicht zur Doppelnutzung ist tatsächlich das zentrale Unterscheidungsmerkmal zur Situation in der EU: Hier in der Schweiz muss auf Flächen mit Agri-PV-Anlage die landwirtschaftliche Nutzung weiterlaufen, und darüber hinaus muss die Anlage Vorteile für die Produktion bringen. Im Beeren- und Obstbau sind solche Vorteile am besten belegt: Mikroklimatische Effekte durch die Beschattung der Bäume und Früchte bei Hitze und starker Sonneneinstrahlung, Schutz vor Hagel, Schutz vor Spätfrösten und die Möglichkeit, Wasser bei Niederschlag gezielt aufzufangen und für die Bewässerung zu nutzen. Versuche aus der Bodenseeregion zeigen zudem, dass Pflanzenschutzbehandlungen reduziert werden können.
Beim Ackerbau und im Grünland – gibt es dort vergleichbare Erkenntnisse?
Aus der EU gibt es leider noch wenige verwertbare Daten, weil die dortigen Anlagen meist ausschliesslich auf Energieproduktion ausgerichtet sind, ohne die Bewirtschaftung des Bodens beizubehalten. Daher betreten wir hier echtes Neuland. Meine Erwartung ist, dass die Beschattung die Verdunstung reduziert und damit die Bodenfeuchte erhöht – ob das aber zu höheren Erträgen oder besserer Qualität führt, wissen wir schlicht noch nicht. Offen und spannend sind auch weitere Fragen: Welche Vorteile ergeben sich aus der Kombination von Agri-PV mit Dauergrünland für den Wasserhaushalt, die Biodiversität oder das Tierwohl? Hilft die Beschattung, wie vermutet, die Bodenfeuchte zu halten? Wie nutzen Rinder die ungewohnten Schatteninseln?
Wie gross ist das Interesse seitens der Landwirtschaft?
Die Neugier ist gross. Konkretes Interesse besteht vor allem im Obst- und Beerenanbau. Aber auch hier gibt es noch offene Fragen, beispielsweise welche Arten und Sorten sich für die Kombination mit Agri-PV-Systemen eignen oder Fragen zur Wirtschaftlichkeit.
Bei anderen Betriebszweigen überwiegt die Unsicherheit: wirtschaftliche Risiken, aber auch die Frage, ob die Agri-PV-Anlage der Landwirtschaft einen Vorteil bringt.
Für viele sind ausserdem die baulichen Massnahmen abschreckend. Die Agri-PV Systeme werden oft als materialintensiv wahrgenommen – es braucht Kabel, um den Strom wegzuführen, gleichzeitig muss die Anlage Wind und Schnee aushalten. Auch im Obstbau, obwohl gerade hier bestehende Stütz- und Schutzkonstruktionen ersetzt werden könnten. Was die Bevölkerung betrifft: Bei Baueingaben gab es bisher keine negativen Rückmeldungen. Aber vieles ist noch schwer vorstellbar – vielleicht sieht das anders aus, wenn mehr Anlagen in der Landschaft stehen.
In Bezug auf den Klimawandel wird Agri-PV oft im Zusammenhang mit der Reduktion der Treibhausgase diskutiert. Ist das die ganze Geschichte?
Nein, und das ist wichtig. Agri-PV ist beides: Anpassung und Vermeidung. Auf der einen Seite hilft sie, mit Hitze, Trockenheit und Extremwetterereignissen umzugehen – das ist Klimaanpassung. Auf der anderen Seite produzieren wir damit erneuerbaren Strom– das ist Klimaschutz. Agri-PV kann einen relevanten Beitrag bei der Stromerzeugung leisten, allerdings braucht es dafür noch Weiterentwicklungen.
Unter welchen Bedingungen rechnet sich Agri-PV für einen landwirtschaftlichen Betrieb heute?
Ein Teil unserer Forschung widmet sich genau diesen Fragen: Welche Vermarktungsmodelle funktionieren – und unter welchen Bedingungen?
Das hängt stark vom Geschäftsmodell ab. Die Zeiten der kostendeckenden Einspeise-vergütung sind vorbei. Wer den gesamten Strom ins Netz einspeist, ist vom Strompreis abhängig – und das ist aktuell kein rentables Geschäft. Rentabel kann Agri-PV für Betriebe mit hohem Eigenverbrauch sein: Kühlung, Heizung, Elektrofahrzeuge. Interessant sind auch Kooperationen mit Abnehmern – einem benachbarten Industriebetrieb, einem Wohnquartier oder der Gemeinde.
Eine weitere Option ist die Partnerschaft mit einem Stromunternehmen: Der Betrieb wird für das Zurverfügungstellen des Landes und für allfällige Einschränkungen entschädigt. Im Gegenzug kann der Betrieb von einem Schutzsystem profitieren – was zumindest für den Beeren- und Obstanbau durchaus attraktiv sein kann.
Was ist deine wichtigste Botschaft für die nächsten Jahre?
Wir müssen jetzt herausfinden, wie sich Agri-PV in der Realität bewährt – für die Bewirtschaftung, für die Erträge, für das Landschaftsbild. Das theoretische Potenzial ist gross. Aber zwischen Potenzial und Praxis liegt noch viel Arbeit. Was wir brauchen, sind Referenzanlagen, Langzeitdaten und verlässliche wirtschaftliche Rahmenbedingungen. Dann können Landwirtinnen und Landwirte fundierte Entscheide treffen.
Interview: Bernadette Oehen, FiBL
Weiterführende Informationen
Projekt «AgriSolar Forschung» (agrisolarforschung.ch)
Stimmen zum Klima (FiBL.org)
