Im zweiten Jahr boten die vielen Blüten des Randstreifens von Daniel Günter in Thöringen BE Nützlingen Lebensraum, Nahrung und einen Überwinterungsstandort (Aufnahme vom 16. Juli 2025). Foto: FiBL, Roxane Muller
Steinobstanlagen werden heute früh im Jahr komplett eingenetzt, um den Einfall der Kirschessigfliege zu unterbinden. Es ist deshalb wichtig, dass auch innerhalb dieses geschlossenen Systems Lebensräume für Nützlinge vorhanden sind. Dabei gibt es zwei Systeme: Blühstreifen in und zwischen den Reihen sowie Blühreservoirs. Blühreservoirs sind Blühmischung, die an den Rändern von Anlagen angelegt werden. Dort gibt es im Vergleich zu den üblichen Blühstreifen in den Fahrgassen weniger Störung sowohl für die Nützlinge wie auch für die Bewirtschafter*innen. Ziel der Fläche ist die Förderung von Nützlingen, besonders von blattlausfressenden.
Roxane, wieso braucht es innerhalb der Anlagen Blühstreifen oder Randstreifen mit Blühreservoirs?
Roxane Muller: In solchen eingenetzten und gedeckten Anlagen ist das Mikroklima leicht verändert. Das begünstigt die Entwicklung der Blattläuse. Zudem ist der Austausch mit Nützlingen aus der Umgebung wegen der Netze stark eingeschränkt. Blühstreifen und -reservoirs sollen den Nützlingen Lebensraum und einen Überwinterungsstandort bieten. Ausserdem sind sie Nahrungsressource in Form von Pollen, Nektar und alternativer Beute. Idealerweise sollen sich die Nützlinge hier wohl fühlen, sich vermehren und dann auf Blattlausjagd gehen.
Worin unterscheiden sich Blühstreifen und Blühreservoirs?
Die Randstreifen mit Blühreservoirs werden als Alternative zu den Blühstreifen vorgeschlagen, denn nicht alle Landwirt*innen wollen oder können Blühstreifen in den Fahrgassen haben. Sie können aber auch in Kombination benutzt werden. Man muss wissen, dass nicht beide Blühelemente die gleichen Funktionen oder Merkmale haben:
- Der Schädlingsregulations-Effekt ist für Blühstreifen schon bewiesen, für Randflächen aber noch nicht.
- Man hat mit Blühstreifen eine bessere Ausbreitung der Nützlinge: mehrere kleinen Flächen sind für die Ausbreitung besser als eine grosse Fläche.
- In den Blühstreifen sind die Nützlinge näher zu den Bäumen und damit zu den Schädlingen.
- In der Randfläche ist die Überwinterung besser, zudem gibt es mehr Blüten, da die Fläche extensiver bewirtschaftet wird und die Abdrift von Pflanzenschutzmitteln geringer ist.
- Die Randfläche liegt nicht auf dem Fahrweg und stört für die Kulturmassnahmen weniger.
Wie fördern diese Blühreservoirs die gewünschten Nützlinge?
Nicht alle Pflanzen und Blüten sind geeignet. Aus koevolutiven Gründen haben sich Pflanzen an ihre Bestäuber angepasst und umgekehrt. Pflanzen brauchen für ihre Vermehrung und Bestäubung Insekten und als Belohnung erhalten diese Nektar. Nektar zu produzieren, kostet die Blume aber Energie und sie will nicht Energie verschwenden. Deswegen hat sie eine Form entwickelt, die nur bestimmten Insekten Zugang zum Nektar ermöglicht. Mit der Zeit haben sich auch die Mundwerkzeuge der Insekten angepasst. Hahnenfuss beispielsweise hat Nektarblätter, die leicht zugänglich sind. Die Akelei hingegen hat einen Sporn, da braucht man schon einen längeren Rüssel wie ihn Bienen und Hummeln haben.
Um blattlausfressende Nützlinge anzulocken, braucht man offene Blüten. Die findet man oft in den Familien der Doldenblütler (Apiaceae) und Korbblütler (Asteraceae). Solche Blumen finden sich in der Randmischung, die wir gemeinsam mit UFA Samen entwickelt haben. Sie besteht aus 24 Arten – 22 Kräuter und zwei Gräser. Das Kräuter-Gräser-Verhältnis beträgt 80 zu 20.
Kannst du etwas sagen zu Saat und Pflege?
Ein feines Saatbett ist sehr wichtig für die Keimung der Wildblumen, denn in der Mischung sind mehrheitlich Lichtkeimer. Wenn es Spalten gibt und die Samen reinfallen, dann funktioniert es nicht. Es gibt natürlich Böden, die einfacher zu bearbeiten sind als andere. Bei schweren Böden empfiehlt sich eine Frostgare und dann die Bearbeitung mit der Kreiselegge.
Wir sind hier in der Anlage von Daniel Günter in Thörigen BE. Kannst du etwas sagen über die Randblühstreifen hier?
Hier befindet sich der Blühstreifen im dritten Jahr. Im ersten Jahr sah man nur wenige Blüten, weil mehrjährige Wildblumen eher langsam wachsen. Im zweiten Jahr hat es sehr stark geblüht. Bis 70 Prozent der Blüten waren gesäte Arten. Im dritten Jahr beobachten wir leider eine Abnahme der gesäten Arten. Gräser sind an manchen Stellen stark gewachsen und der Bestand ist sehr heterogen. Wir werden das weiterverfolgen. Wie bei Buntbrachen gibt es mit der Zeit eine Vergrasung. Das ist nicht grundsätzlich schlecht, es ist mehr eine Änderung der Funktionalität: alte Buntbrachen mit Gräsern sind zum Beispiel für Spinnen und Laufkäfer sehr wertvoll als Habitat und zur Überwinterung.
Kannst du noch etwas sagen zu den Nützlingen, die sich hier wohl fühlen?
Ich möchte zwei Nützlingstypen hervorheben. Da sind einerseits die Schwebfliegen. Sie sind aus zwei Gründen sehr wichtig: die Larven fressen Blattläuse und die adulten Tiere agieren als zweitwichtigste Bestäuber hinter den Bienen. Die Weibchen legen ihre Eier direkt in der Nähe der Blattlauskolonie. Die beinlosen Larven fangen dann direkt an, Blattläuse zu fressen. Es gibt zwei bis drei Generationen pro Jahr. Deswegen ist es wichtig, in der Anlage Blumen zu haben, damit sich die adulten Schwebfliegen von Pollen und Nektar ernähren und weitere Zyklen machen können. Auch diese haben eine Rolle bei der Blattlausbekämpfung. Sie verbreiten entomo-pathogene, also insektenbefallende Pilze, die Blattläuse parasitieren können.
Und die andere Gruppe?
Die andere, von der Gesellschaft oft unterschätzte Gruppe sind Spinnen. In einer Studie auf Hochstammbäumen in der Schweiz sind 30 Arten gefunden worden, davon lebt die Hälfte auf dem Boden und die Hälfte auf den Bäumen. Es gibt Spinnen mit und ohne Netz. Diejenigen mit Netz können grössere und fliegende Beute fangen. Die Spinnen ohne Netz sind aktiv wandernd oder lauernd. Entweder suchen sie ihre Beute oder sie sind auf Lauerjagd und warten versteckt, bis ein Insekt kommt. Sie fressen Schädlinge, zum Beispiel die Larven von Apfelwicklern. Eine weibliche Spinne kann bis zu drei Jahren alt werden und vertilgt in ihrem Leben bis zu 6000 Beutetiere. Sie sind ganzjährig aktiv, das heisst, sie können schon Ende Winter mit dem Fressen der Blattläuse beginnen.
Interview: Adrian Krebs, FiBL
