Das Konzept «One Welfare» betont den engen Zusammenhang zwischen Tierwohl, menschlichem Wohlbefinden und Umwelt. Digitale Technologien können diese ganzheitliche Sicht in der Weidehaltung von Rindern konkret unterstützen, insbesondere vor dem Hintergrund zunehmender Klimaherausforderungen.
Daten von Tier und Umwelt
In der Studie von Petra Balogh und ihren Kolleg*innen vom ungarischen Forschungsinstitut ÖMKi kamen vor allem am Hals befestigte Sensoren zum Einsatz, die Informationen zu Wiederkauzeit, Fressverhalten und Aktivität liefern. Diese Daten geben Aufschluss über den Gesundheitszustand der Tiere und indirekt auch über die Futterverfügbarkeit auf der Weide. Ergänzt wurden sie durch Umwelt- und Vegetationsdaten. Die kontinuierliche Datenerhebung ermöglicht es, Veränderungen früh zu erkennen und rasch zu reagieren.
Mehr Wissen, bessere Entscheidungen
Verhaltensdaten erlauben eine frühzeitige Erkennung von Krankheiten, Verletzungen oder Stoffwechselproblemen – oft bevor sichtbare Symptome auftreten. Warnsignale bei Abweichungen im Verhalten ermöglichen rechtzeitige Massnahmen und verbessern die Heilungschancen.
Die Daten zum Wiederkäuen geben laut Balogh Hinweise auf die Futterverfügbarkeit und helfen bei der optimalen Planung von Weidewechseln. So können Grasnarben geschont, Biodiversität gefördert und die Regeneration der Flächen unterstützt werden.
Die automatisierte Datenerfassung reduziert den Arbeitsaufwand und erleichtert die Entscheidungsfindung. Das kann den Stress der Betriebsleitung reduzieren und die Arbeitssicherheit verbessern.
Herausforderungen in der Praxis
Trotz der Vorteile bestehen laut den Forschenden vom ÖMKi noch technische und organisatorische Hürden. Dazu gehören:
- begrenzte Zuverlässigkeit von Sensoren
- unvollständige Datenübertragung in abgelegenen Gebieten
- Herausforderungen bei der Datenauswertung
- mögliche Beeinträchtigungen des Tierkomforts durch Sensoren
- Fragen zu Datenzugang und -sicherheit
Digitale Werkzeuge für ganzheitliche Tierhaltung
Digitale Technologien können gemäss Balogh das «One Welfare»-Prinzip in der Weidehaltung wesentlich unterstützen. Sie verbessern Tiergesundheit, erleichtern die Arbeit auf dem Betrieb und tragen zum Schutz von Grünlandökosystemen bei. Damit diese Ansätze breitere Anwendung finden, braucht es jedoch zuverlässigere Technik, praxisnahe Lösungen und besseres Know-how in der Datennutzung. Richtig eingesetzt sind digitale Werkzeuge ein wertvoller Baustein für eine nachhaltige Tierhaltung im Einklang mit Tier, Mensch und Umwelt.
Warum das Bauchgefühl trotzdem wichtig ist
Für FiBL-Nutztierexpertin Barbara Früh greifen die Ergebnisse des ÖMKi die zentralen Diskussionen der IAHA-Konferenz auf: «Unser Verständnis von Tierwohl denkt Tiergesundheit, Umwelt und menschliches Wohlbefinden zusammen». Digitale Technologien können diesen Ansatz unterstützen, indem sie frühzeitige Einschätzungen ermöglichen und präventives Handeln stärken.
Gleichzeitig wurde an der Tagung deutlich, dass Technik allein nicht ausreicht. «Für eine glaubwürdige biologische Tierhaltung braucht es einen wertebasierten Ansatz, der auf Fürsorge, Erfahrung und dem Wissen der Tierhaltenden beruht», fasst Barbara Früh die Diskussion an der Tagung zusammen. Digitale Werkzeuge können dieses Wissen ergänzen, aber nicht ersetzen.
Tierhaltung weltweit: Einblicke aus der IAHA-Konferenz
An der Konferenz der IFOAM Animal Husbandry Alliance (IAHA) präsentierten Fachleute aus aller Welt ihre aktuellen Arbeiten rund um die biologische Tierhaltung. Mit dieser Serie gibt bioaktuell.ch Einblick in ausgewählte Tagungsbeiträge. Dabei wird bewusst über die Schweiz hinausgeblickt – hin zu Beispielen aus Europa, Afrika oder Asien.
Corinne Obrist, FiBL
Weiterführende Informationen
Weitere Artikel aus der Serie:
Kreislaufwirtschaft in Indien: Kein Selbstläufer (Meldung vom 10.06.2026)
Alle eingereichten Konferenzbeiträge (sciencedirect.com, auf Englisch)
IFOAM International Animal Husbandry Alliance (ifoam.bio)
IAHA-Konferenz 2026 (iaha2026.org)
Hungarian Research Institute of Organic Agriculture (biokutatas.hu)
