Stefan Jegge, Betriebsleiter vom Berghof in Kaisten betonte die Wichtigkeit der Persistenz, Fruchtbarkeit und Fitness als Zuchtziele auf seinem Biobetrieb. Foto: FiBL, Simona Moosmann
Sprühanlagen bieten den Kühen eine willkommene Abkühlung bei heissen Temperaturen. Foto: FiBL, Simona Moosmann
Familie Jegge setzt auf Diversifizierung: Auf ihrem Gelände wachsen 230 Hochstamm-Obstbäume sowie Tafeltrauben. Foto: FiBL, Simona Moosmann
Alfred Rutschmann (links oben) führte die Gruppe aus dem Kurs Rinderpraktiker*in über seinen Hof Gasswies. Foto: FiBL, Simona Moosmann
Eine echte Besonderheit im Stall von Alfred Rutschmann ist ein Verteilsystem für Einstreu über den Laufgängen. Mit den Einstreubestandteilen versucht Rutschmann, bereits im Stall die wesentlichen Bestandteile für einen guten Kompost zuzugeben. Foto: FiBL, Simona Moosmann
Der FiBL-Kurs «Rinderpraktiker*in» findet dieses Jahr zum ersten Mal statt und nimmt sich ein Vorbild am international erfolgreichen Kurs Bodenpraktiker*in. Das Format kommt gut an: «Wir besuchen übers Jahr alle Betriebe der Teilnehmenden. Das ist noch spannend», berichtete ein Betriebsleiter und Teilnehmer des Kurses. Ein anderer ergänzte: «Es ist gut zu sehen, dass man nicht allein ist mit manchen Problemen.» Im Folgejahr 2027 wird der Kurs in der Westschweiz auf Französisch durchgeführt.
Solidarisches Miteinander zahlt sich aus
Natürlich beschäftigte das Thema Trockenheit die Kursgruppe. Alfred Rutschmann vom Hof Gasswies im deutschen Klettgau brachte die zentrale Frage auf den Punkt: «Wie schaffen wir es, mit möglichst wenig Winterfutter über die Runden zu kommen?» Dafür sät er auf seinem gesamten Ackerland Zwischenfrüchte für den Herbst ein. Daneben holt er den Mais ausserplanmässig als Futter ein und regt den Futtertausch unter Berufskolleg*innen an. «Jetzt zahlt es sich aus, wenn man die letzten Jahre fair miteinander umgegangen ist», betonte er die Wichtigkeit für ein solidarisches Miteinander.
Stefan Jegge vom Berghof in Kaisten wies auf eine weitere Herausforderung hin: «Wenn es nach einer langen Trockenphase wieder regnet, kommt es schnell zu Blähungen beim Fressen.» Ausserdem habe die Hitze deutliche Auswirkungen auf die Aufnahmefähigkeit der Kühe. «Wir haben die Besamungszeit verlängert, weil es zu vielen Frühaborten kam».
Düngung durch gleichmässige Nährstoffverteilung
Sowohl der Hof Gasswies als auch der Berghof arbeiten – unter normalen Umständen – in einem Vollweidesystem. «Die Weidewirtschaft wird in Bezug auf Klimaschutz und Ökologie viel zu wenig genannt», stellte Stefan Jegge fest, «dabei leistet sie hier so viel». Gerade durch das Aufkommen der Melkroboter rücke die Beweidung in den Hintergrund. Umso interessanter sei das Abtauschen von Flächen, stellte Jegge fest. «Schade, dass das nicht mehr praktiziert wird.»
Seit zwei Jahren arbeitet Jegge mit Portionsweiden und Rückzaun. Davor hatte er Kurzumtriebsweiden mit wiederholten, kurzen Bestossungszeiten auf relativ grossen Flächen praktiziert. «Das hat gut funktioniert, aber die Nährstoffe waren irgendwann sehr ungleich auf der Fläche verteilt.» Bereits ab Mai kommen Jegges Kühe ab dem Mittag zurück in den Stall. Im Moment setzt er zusätzlich auf die Nachtweide und Eingrasen. «Bei der aktuellen Trockenheit haben wir rund 40 Prozent Grünfutter, der Rest ist konserviert – seit Juni schon», erklärte der Betriebsleiter vom Berghof.
Parallelen bei Boden- und Blutuntersuchungen
Beim Thema Mineralfutter berichteten die Betriebe über ihre verschiedenen Strategien. Stefan Jegge setzt nur im Stall Mineralfutter ein. Auf der Weide beobachtet er, dass die Kühe auch am Boden schlecken. «Die Blutproben waren bisher immer gut», weiss er sein Vorgehen bestätigt. «Ich finde eigentlich, die Natur löst die meisten Probleme selbst.»
Alfred Rutschmann aus dem deutschen Klettgau dagegen hat per Zufall entdeckt, dass die mangelnden Mineralstoffe sowohl in den Blutproben als auch in den Bodenproben dieselben sind. «Bei den Spurenelementen haben wir alle Defizite», ist seine Überzeugung. Rutschmann führt deshalb gezielt fehlende Elemente wie Kupfer, Zink und Selen zu – sowohl bei der Kuh als auch im Boden. Dabei setzt er auf unterschiedliche Kompostverfahren und Zwischenfrüchte.
Lehren aus der muttergebunden Kälberaufzucht
Alfred Rutschmann hat seinen neuen Stall speziell auf die Bedürfnisse der muttergebundenen Kälberaufzucht abgestimmt. Einige Bereiche erfüllen dabei mehrere Funktionen. So ist der Warteraum vor dem Melkstand gleichzeitig Begegnungsraum für Kühe und Kälber und Winterauslauf. Im Stall werden Kot- und Harn getrennt. Die Fressstände sind erhöht angelegt, wodurch hier kein Kot anfällt. Alle diese Massnahmen dienen ausserdem der Emissionsminderung.
Auch Stefan Jegges Offenstallkonzept hat sich für die muttergebundene Kälberaufzucht bewährt. Die Kälber kommen im Winter bei sehr niedrigen Temperaturen auf die Welt. «Das war noch nie ein Problem», stellte Jegge fest. Dass die Kälber im Laufstall problemlos mitlaufen, hätte er selbst nicht erwartet: «Dass das so gut funktioniert, hat mich erstaunt. Die Kühe haben das bis dahin nicht gekannt. Der Urinstinkt ist also noch da».
Laut Rutschmann ist die muttergebundene Kälberaufzucht herausfordernd, er habe hier viel Lehrgeld bezahlt. «Das Allerwichtigste ist, dass die Kälber langsam von der Milch entwöhnt werden». «Absetzen im Gleitflug», nennt er das und wählt die Ammenkühe dafür sorgfältig aus: «Ich kenne meine Kühe und weiss, welche sich durchsetzt, wenn es ihr reicht». Den Kälbern bietet er ausreichend und früh hochwertiges Grünfutter an. Dank seinem aktuellen Vorgehen seien die Kälber gesund und resilient. «Wenn es den Kälbern gut geht, dann macht es Spass», stellte Rutschmann fest.
Neue Eindrücke sind immer wertvoll
Letztendlich waren es die Diskussionen und Fragestellungen jedes einzelnen Betriebs, die den Kurstag bereicherten. Auch wenn jeder Betrieb sehr individuell aufgestellt ist und sich nicht alles übertragen lässt, fasste ein Teilnehmer den Mehrwert so zusammen: «Jeder Einblick in einen anderen Betrieb ist ein Gewinn.»
Simona Moosmann, FiBL
Weiterführende Informationen
Weiterbildung Rinderpraktiker*in (Rubrik Bildung)
Milchvieh (Rubrik Tierhaltung)
Hof Gasswies (Webseite)
