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Kirschen unter Strom

Meldung  | 

Agri-Photovoltaik soll Landwirtschaft und Stromproduktion verbinden. Verschiedene Kulturen können durch die Solarpanels von Witterungsschutz oder Beschattung profitieren, während gleichzeitig Strom produziert wird. Ein Besuch bei der ersten kommerziellen Agri-PV Kirschenanlage im Aargau und der Forschungsanlage am FiBL zeigt, welches Potential und welche Hürden und offenen Fragen in der Technologie stecken. Organisiert wurde der Erfahrungsaustausch zur Agri-Photovoltaik im Obstbau vom FiBL und dem Landwirtschaftlichen Zentrum Liebegg.

Die Agri-PV Anlage, hier mit einem automatisch gesteuerten Foliendach kombiniert, schützt die empfindlichen Kirschen vor Witterung und produziert gleichzeitig Strom. Foto: FiBL, Mathias Ludwig

An der Forschungsanlage in Frick wird der Einfluss einer Agri-PV Anlage auf verschiedene Apfelsorten direkt mit anderen Überdachungssystemen verglichen. Foto: FiBL, Mathias Ludwig

Mit einem Dendrometer wird die Stammdicke gemessen, um gezielter bewässern zu können. Foto: FiBL, Michelle Knecht

Statt klassischen Netzen erstreckt sich eine Fläche aus Solarpanels und Stahlprofilen über den Kirschbäumen in Leuggern AG. «Rund 300 Tonnen Stahl wurden für die Anlage verbaut», erklärt Hansjörg Erne. Zusammen mit Ruedi Obrist bewirtschaftet er in der Betriebszweiggemeinschaft «Chilspeler Obst» knapp zehn Hektaren Obst.

Kirschen, Äpfel, Birnen und 290 Hochstammbäume, vor allem Zwetschgen und Quitten werden von ihnen gepflegt. Seit 2024 steht auf 1,4 Hektaren ihrer Fläche eine besondere Kirschenanlage: 1,12 Hektaren davon sind mit einer Agri-Photovoltaikanlage (kurz Agri-PV) überdacht. Es ist die erste kommerzielle private Anlage dieser Art im Kanton Aargau.

Wenn zwei die gleiche Idee haben

Die Idee dazu entstand unabhängig voneinander bei Erne und seiner Frau sowie bei Obrist, inspiriert durch einen Zeitungsartikel. Beim gemeinsamen «Zwetschgenlesen» stellten sie fest, dass sie mit demselben Gedanken spielten. Tobias Beeler, Projektleiter bei Insolight begleitete die beiden Obstbauern von der Planung, dem Bewilligungsprozess, über die Investorensuche bis zur Umsetzung und Inbetriebnahme der Anlage. Investor ist Energie 360. Die Anlage kostete rund 1200 Franken pro Kilowatt-Peak plus die Kosten für den Netzanschluss. «Tatsächlich gibt es momentan mehr Investoren als konkrete Projekte», so Tobias Beeler.

Bewilligung liess auf sich warten

Der Weg zur eigenen Anlage war allerdings länger als gedacht. Generell sind in der Schweiz solche Anlagen noch selten. Laut der Raumplanungsverordnung ist Agri-PV nur erlaubt, wenn es der Landwirtschaft einen Mehrwert bringt. Zudem war es die erste kommerzielle, nicht für Forschungszwecke bestimmte Anlage, und sie grenzt an ein Landschaftsschutzgebiet. Alles Fragen, die der Kanton Aargau zuerst klären musste. 
Für die Bewilligung musste unter anderem nachgewiesen werden, dass die Kirschbäume trotz Solarpanel-Überdachung genügend Licht erhalten. Die Panels reduzieren die Lichtmenge um rund 25 Prozent. «Das ist in etwa vergleichbar mit herkömmlichen Schutznetzen im Kirschenanbau,», erklärt Tobias Beeler, Projektleiter bei Insolight.

Langes Warten, grosse Leistung

Ein Jahr warteten die Obstbauern auf den Entscheid des Kantons. Die Kirschbäume standen zu diesem Zeitpunkt bereits in der Baumschule bereit. «Wir haben uns schliesslich entschieden, die Bäume trotzdem zu pflanzen», erzählt Erne, «auch wenn wir wussten, dass es den späteren Bau verkomplizieren würde». Im Sommer 2024 kam dann die Erleichterung: die Bewilligung wurde erteilt.
Die Anlage hat eine installierte Leistung von 732 Kilowatt-Peak. «Bei voller Sonneneinstrahlung produziert sie mehr Strom, als ins Netz eingespiesen werden kann», sagt Erne. Der Transformator ist auf maximal 630 Kilowatt Einspeiseleistung ausgelegt. Rund ein Viertel des produzierten Stroms dürfte im Winter anfallen, schätzt Beeler.

Schutz vor Regen 

Die Solarpanels können einen gewissen Witterungsschutz bieten. Ganz reicht die Überdachung allerdings nicht aus, um die empfindlichen Kirschen vor Regen zu schützen. Deshalb wurde die Anlage zusätzlich mit einer dynamischen Regenschutzfolie ausgestattet. Das durchsichtige Foliendach lässt sich automatisch öffnen und schliessen. Dazu messen Sensoren Niederschlag, Temperatur und Wind. Gleichzeitig kann es per App bedient werden. «In fünf Minuten ist das Foliendach offen oder zu», sagt Erne. Das schnelle Öffnen sei wichtig, damit sich möglichst wenig Luftfeuchtigkeit unter der Überdachung staut. 
Um die Mittagszeit liegt ein Teil des Baumes im Schatten der Panels, dadurch könne sich der Hitzestress reduzieren. Gleichzeitig dürfe aber nicht vergessen werden, dass die Bäume ausreichend Licht benötigen. «Die Ausrichtung der Panels ist deshalb entscheidend», sagt Erne. Negative Auswirkungen auf die Kirschbäume hat er bisher nicht feststellen können. Bislang gibt es aber noch keine Langzeitforschungsdaten dazu.

«Praxis überholt Forschung»

«Die Praxis überholt hier die Forschung in einigen Aspekten», sagt Hans-Jakob Schärer vom FiBL. Gemeinsam mit dem Landwirtschaftlichen Zentrum Liebegg und dem Kanton Aargau untersucht das FiBL im Forschungsprojekt AgiSolar, welche Kulturen sich für Agri-PV eignen, raumplanerische, technische und auch wirtschaftliche Aspekte, aber auch den Einfluss auf den Krankheitsdruck, Wasser- und Bodenhaushalt. 
Auf der rund 600 Quadratmeter grossen Agri-PV-Forschungsanlage in Frick stehen seit 2024 nicht nur Solarpanels, sondern auch zahlreiche Sensoren. Diese messen unter anderem Blattfeuchte, Temperatur, Licht und Bodenfeuchte. Auch Erträge, Blütenansätze und eine mögliche Reifeverzögerung werden erfasst. Ein Versuch vergleicht, wie sich die Sorten Gala und Rustica mit und ohne Agri-PV entwickeln. Schärer spricht von einer «Klimabalancierung» durch solche Anlagen: sie bremsen die stärkste Hitze am Tag oder auch starken Frost. 

Wassermanagement immer wichtiger

Auf der Versuchsanlage des FiBL wurden Regenrinnen installiert, um das Wasser besser von den Solarpanels abzuleiten. Heute fliesst es noch als Drainagewasser ab, langfristig soll unterhalb der Anlage ein naturnahes Retentionsbecken entstehen. Das gesammelte Wasser könnte dann für die Bewässerung der Kulturen genutzt werden und gleichzeitig Teil eines biodiversitätsfördernden Lebensraums sein. «Wassermanagement sollte bei der Planung einer solchen Anlage immer mitbedacht werden», betont Schärer. In der «Chilspeler» Kirschenanlage misst Agroscope mit einem Dendrometer die Dicke der Baumstämme. Daraus lässt sich der Wasserbedarf der Bäume ableiten. Die Bewässerung wird entsprechend automatisch gesteuert. 
Viele Fragen sind noch offen und es wird sich erst in der Zukunft zeigen, ob die Technologie grundlegende Vorteile für die Landwirtschaft bringt, für welche Kulturen sie sich bewährt oder ob sich dadurch Pflanzenschutzmittel einsparen lassen. «In einigen Jahren werden wir es wissen», meint Schärer. 

Michelle Knecht, FiBL

Weiterführende Informationen

Hinweis: Dies ist eine tagesaktuelle Meldung. Sie wird nicht aktualisiert.

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