Das erste Praxishandbuch zur Biodiversität erschien 2016. Was war der Auslöser, nach zehn Jahren nicht einfach eine Neuauflage, sondern ein komplett neues Werk zu schaffen?
Véronique Chevillat: Seit 2016 hat sich sowohl politisch als auch wissenschaftlich viel bewegt. Wir stehen heute vor grossen Veränderungen, etwa durch die AP 30+, bei der noch unklar ist, wie genau die Beiträge für Biodiversitätsförderflächen künftig aussehen werden. Gleichzeitig steht die Biodiversität im Kulturland immer noch stark unter Druck. Das alte Handbuch war sehr stark an der Direktzahlungsverordnung orientiert. Unser Ziel für das neue Buch war es, die fachlichen Massnahmen von diesen wechselnden politischen Rahmenbedingungen zu entkoppeln. Wir wollen eine gute Praxis vermitteln, die für die Biodiversität wirkt und für den Betrieb langfristig Sinn ergibt, unabhängig vom Beitragssystem.
Wie seid ihr bei der Erarbeitung vorgegangen, um sicherzustellen, dass das Buch auch wirklich den Bedürfnissen der Praxis entspricht?
Das war uns ein wichtiges Anliegen. Die Zusammenarbeit zwischen dem FiBL und der Schweizerischen Vogelwarte war dabei ein zentrales und bewährtes Fundament, da die verschiedenen Autorinnen viel Praxiswissen und Erfahrungen mitbrachten. Im Vorfeld hat das Projektteam zusätzlich breite Umfragen und Workshops mit Landwirtinnen und Landwirten sowie Fachpersonen aus der Beratung, der Bildung und von kantonalen Fachstellen und Bundesämtern durchgeführt. Wir wollten wissen: Was fehlt? Welche Informationen brauchen sie? Wo liegen die Hürden? Dieses Fundament hat die fachliche Tiefe des Handbuchs ermöglicht.
Das Handbuch ist ganz anders aufgebaut als frühere Publikationen des FiBL. Welchen Ansatz habt ihr verfolgt?
Wir haben das Buch konsequent nach Lebensräumen aufgebaut – von Grünland und Ackerland bis hin zu Spezialkulturen, dem Hofareal und dem Boden. Ein ganz wichtiger Punkt ist, dass wir nicht nur über Biodiversitätsförderflächen sprechen, sondern wirkungsvolle Fördermöglichkeiten auf der gesamten Produktionsfläche aufzeigen. Wir legen einen starken Fokus auf die funktionelle Biodiversität. Das bedeutet: Welchen direkten Nutzen hat die Vielfalt für die Produktion? Sei es durch natürliche Schädlingsregulierung, bessere Bestäubung oder die Stabilität der Erträge durch resiliente Systeme. Schwerpunktmässig haben wir zwei komplett neue Kapitel integriert. Zum einen das Thema Strukturen: Hier zeigen wir auf, wie kleine Elemente wie Steinhaufen, Asthaufen oder Einzelbäume Lebensräume aufwerten und als Trittsteine fungieren und die Vernetzung der Flächen massiv verbessern können. Zum anderen widmen wir uns erstmals umfassend dem Boden. Ein gesunder, biodiverser Boden ist die absolute Basis für jede landwirtschaftliche Tätigkeit; wir präsentieren hier die Vielfalt unter unseren Füssen als Schlüsselfaktor.
In der Praxis hört man oft, dass Biodiversität und Ertrag nicht gut zusammengehen. Wie geht das Handbuch damit um?
Da jeder Betrieb einzigartig ist und vor eigenen Herausforderungen steht, zeigen wir im Buch ganz viele Möglichkeiten auf, um die Biodiversität zu erhalten und zu fördern. Es hat für jeden Betrieb etwas, von einfach realisierbaren bis zu umfangreicheren Massnahmen. Bei jeder Massnahme werden auch die Herausforderungen und kritischen Punkte klar benannt. Es geht um eine ehrliche Gesamtsicht auf den Betrieb. Wir zeigen beispielsweise auf, welche Auswirkungen Massnahmen im Ackerbau wie Getreide in weiter Reihe oder Mischkulturen auf die Erträge haben können. Letztlich braucht es ein stimmiges Gesamtkonzept, um die Biodiversität nachhaltig und wirksam auf dem Betrieb zu erhalten. Mit dem Handbuch wollen wir hervorheben, dass Biodiversität kein Selbstzweck ist, sondern Teil der landwirtschaftlichen Praxis und integraler Bestandteil der Produktion.
Interview: Jeremias Lütold
Das Interview erschien am 28.08 im Bioaktuell Magazin anlässlich der Veröffentlichung des Handbuch Biodiversität in der Landwirtschaft des FiBL und der Schweizerischen Vogelwarte.
