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Gleicher Ertrag auf weniger Reben

Meldung  | 

Wie kann Weinbau biodivers, produktiv und klimafit zugleich sein? Eine Fachveranstaltung der HAFL am 2. September auf dem Bioweingut Lenz im thurgauischen Uesslingen zeigte eindrücklich: Wer Reben-Monokulturen aufbricht, um Platz für Mischkulturen zu schaffen, erntet nicht weniger, sondern kultiviert ein hochresilientes Ökosystem.

Die Rebzeilen aufbrechen: Für das Bioweingut Lenz ein anhaltendes Projekt. Foto: Thomas Alföldi

Eine aufgebrochene Rebmonokultur, um ein hochresilientes Ökosystem zu kultivieren. Foto: Thomas Alföldi

Verschiedene Biodiversitätsfödermassnahmen rund um die Reben. Foto: Thomas Alföldi

Roland und Karin Lenz bauen ihren Betrieb kontinuierlich um und brechen dabei radikal mit klassischen Weinbau-Dogmen. Ihre Vorgehensweise: Sie verringern in den meisten Parzellen die Rebdichte von 5000 auf 3500 Stöcke pro Hektar. Indem jede dritte Zeile entfernt wird, vergrössert sich der Standraum des einzelnen Stocks von zwei auf drei Quadratmeter. 

Trotz eines Drittels weniger Reben bleibt der Hektoliterertrag stabil. Das gelingt durch die Erziehungsmethoden: Durch den Schnitt lässt Lenz den Reben 16 statt 12 Schosse, was einen ertragreichen «zweiten Stock» an Trauben ermöglicht. 

Vielfalt in den Gassen: Mischkulturen und Agroforst

Die freien Gassen nutzt das Weingut für produktive Sekundärkulturen und Agroforst. Zwischen den Reben wachsen Ackerkulturen wie Hafer, Sorghum, Buchweizen und Dinkel. Zudem wurden 1000 Baumhaseln gepflanzt, die künftig zwei Tonnen Nüsse für ein hofeigenes «Tuttifrutti» liefern sollen.

Für die Bewirtschaftung dieser Vielfalt investierte der Betrieb in neue Maschinen wie einen Parzellenmähdrescher und einen Striegel. Das Ziel ist klar: «Wir wollen die Kulturen aufbrechen», so Lenz. Flankiert wird der Anbau von 17 Prozent renaturierten Biodiversitätsflächen, die sich teils ebenfalls auf aufgelösten Rebzeilen befinden. 

Konsequenter Fokus auf PIWIs und CO2-Einsparung

Ein weiterer Schlüssel zur Resilienz sind pilzwiderstandsfähige Sorten (PIWIs). Schweizweit sind die PIWIs bei einem Flächenanteil von 5 Prozent, auf dem Bioweingut Lenz gibt es seit letztem Jahr gar keine europäischen Sorten mehr. 50 verschiedene Sorten stehen im Ertrag, darunter Neuzüchtungen von Valentin Blattner. Roland Lenz unterscheidet die PIWI-Generationen: Während die erste Generation (Regent, Johanniter) derzeit Schwefel und Tonerde benötigt, kommt die dritte Generation mit Schachtelhalmextrakten und biodynamischen Mitteln aus. Die kommende vierte Generation an Sorten soll behandlungsfrei sein. «Wenn wir den Boden nicht vergiften wollen, brauchen wir robuste Kultursorten», erklärt der Winzer.

Ein weiterer Baustein auf dem 26,5 Hektar grossen Demeter- und Delinat-Betrieb ist der konsequente Humusaufbau. Das Rebholz verbleibt in den Gassen und anstatt zu mähen, wird gewalzt. Zusätzlich angewandt werden Komposttee und die Zufuhr organischer Masse. Dadurch habe sich der Humusgehalt innerhalb von 10 Jahren von 2 auf 4,5 Prozent erhöht. «Wir haben gemerkt, dass aufbauende Landwirtschaft immer um den Boden geht», betont Roland Lenz. Ob sich der Humusgehalt innerhalb dieser Zeitspanne um über 2 Prozent erhöhen lässt, bleibt aber fraglich. Handelt es sich um eine oberflächliche Auflage oder um Dauerhumus im Boden? Trotzdem, dass der Boden mit diesen Massnahmen belebter und produktiver wird, liegt auf der Hand.

Administrative Hürden im Schweizer Rebbau

Der Weg zum lebendigen Weingarten fordert jedoch die Bürokratie heraus. Das Rebbaukataster schreibt gemäss Weinverordnung (Art. 1) vor, dass der Standraum pro Rebstock maximal 3 Quadratmeter betragen darf (mindestens 3333 Reben/ha), um als Rebfläche erfasst zu werden. Wird dieses Limit überschritten, droht der Verlust des Reben-Flächencodes (701, 717, 735), was eine separate Erfassung der jeweiligen Kulturen im gemischten System nötig machen würde. Das wiederum würde die DZV-Konformität in Frage stellen. 

In der an die Fachveranstaltung anschliessenden Fragerunde sprachen Jonas Plattner (BLW), Thomas Fröhlich (Landwirtschaftsamt Thurgau) und Betriebsleiterin Kathrin Lenz aus Fischenthal ZH die administrativen Hürden. Ebenfalls zur Sprache kam der neue Flächencode 725 für Permakultur. Dieser bietet zwar Flexibilität für Mischkulturen, ist aber nicht in jedem Fall die beste Wahl. Er ist dort sinnvoll, wo die Permakultur-Elemente die gesamte Fläche so stark prägen, dass eine Trennung in klassische Codes (701 Reben, 717 Obst, 735 Biodiversität) die Komplexität nicht mehr abbildet. In traditionelleren Strukturen kann der Wechsel auf Code 725 jedoch zu Einbussen bei spezifischen Direktzahlungen führen. 

Fazit: Die Wirtschaftlichkeit der Resilienz

Das Modell von Roland und Karin Lenz am Iselisberg will zeigen, dass die verringerte Rebdichte auch wirtschaftlich resilientes System ermöglicht, welches weniger abhängig von externen Inputs ist und eine gesteigerte Bodenfruchtbarkeit aufweist. Die Kombination aus PIWI-Reben, Humusaufbau und Agroforst-Strukturen bereitet den Weinbau auf ein volatiles Klima vor. 

Roland Lenz beobachtete im Hitzesommer 2026 nur in spezifischen Lagen Trockenstress. Grundsätzlich habe sich das Anbausystem aber robust gezeigt. Mit Blick auf die Zukunft findet Roland Lenz: «Ich kann es mir nicht leisten, konventionell zu wirtschaften».

Jeremias Lütold, FiBL

Weiterführende Informationen

Rubrik Biodiversität (bioaktuell.ch)
Betriebsbeispiele (bioaktuell.ch)

Hinweis: Dies ist eine tagesaktuelle Meldung. Sie wird nicht aktualisiert.

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