Kleine, regional verankerte Züchtungsinitiativen sind Klimaextremen besonders ausgesetzt, da sie ihre Arbeit meist direkt im Feld durchführen – weder geschützt in Gewächshäusern noch im Labor. Gleichzeitig fehlen ihnen die Mittel, um umfangreiche Reserven an genetischem Material anzulegen. Züchter*innen sowie Saatguterhalter*innen – darunter auch zwei der Autoren – haben in den letzten Jahren durch Überschwemmungen, Sturm- und Hagelereignisse mehrmals Zuchtmaterial unwiederbringlich verloren.
Workshops der biodynamischen Züchter*innen
Im Januar 2026 fand zu diesem Thema ein Workshop im Rahmen des jährlichen Treffens der biologisch-dynamischen Ackerkultur- und Gemüsezüchter*innen aus der Schweiz und Deutschland statt. Ziel war der Austausch zu den Herausforderungen, die sich für die Züchter*innen durch die Klimakrise stellen. In drei moderierten Gesprächsrunden wurden Erfahrungen geteilt und diskutiert. Darauf aufbauend wurden erste Handlungsansätze und Perspektiven für die ökologische und biologisch-dynamische Pflanzenzüchtung formuliert.
Klimaveränderungen betreffen alle
Der Workshop bestätigte mit über 30 Teilnehmenden das große Interesse am Thema. Alle Züchter*innen konnten von negativen Auswirkungen der Klimakrise auf ihre Arbeit berichten: Trockenheits- und Hitzestress treten immer häufiger und mit erhöhter Intensität auf. Die Kulturen werden durch veränderte Vermehrungszyklen und ein verändertes Auftreten von Pflanzenkrankheiten und Schädlingen beeinträchtigt. Insbesondere nehmen aufgrund wärmerer und trockenerer Klimabedingungen Schäden durch Insekten zu, wie beispielsweise durch die invasive grüne Reiswanze bei Gurke oder Fenchel.
Unvorhersehbare Witterung erschwert Züchtung
Von den Folgen der Klimakrise betroffen sind auch der Zuchtprozess selbst inklusive der Erhaltung genetischer Ressourcen und der Saatgutgewinnung. Wenn Bewässerung wegen Wassermangel nicht mehr möglich ist oder die Samenbildung wegen fehlender Kälteimpulse im Winter ausbleibt, zum Beispiel bei Möhre oder Kohlarten, werden Zuchtprogramme existenziell gefährdet und müssen schlimmstenfalls eingestellt werden. Aus der Arbeit mit Heilpflanzen wurde über Arnika aus Wildsammlungen berichtet, die teilweise nicht mehr zum Blühen gebracht werden kann, ebenso wie über das Tausendgüldenkraut, das besonders unter den extremen Temperaturwechseln im Winter leidet. Die zunehmende Volatilität der Witterungsbedingungen führt zu unbeständigen Umwelten für die Züchtung und beeinträchtigt die Planbarkeit.
Wenn Stressfaktoren sich akkumulieren
Eine erhebliche Herausforderung besteht darin, dass die Stressfaktoren eine hohe Komplexität aufweisen. So gibt es nicht die Trockenheit, sondern diese tritt in unterschiedlichen Wachstumsphasen auf: Dauer, Intensität und Auswirkungen auf die Pflanzen variieren. Unter realen Bedingungen interagieren verschiedene Stressfaktoren miteinander. Anschaulich wurde dies am Beispiel der Apfelzüchtung dargestellt: Die klimawandelbedingte frühere Apfelblüte geht einher mit zunehmenden Schäden durch Spätfröste. Dazu kommen die trockenheits- und hitzebedingt erhöhte Sonnenbrandempfindlichkeit (siehe Bild) sowie die durch wärmere Temperaturen im Herbst verhinderte Rotfärbung der Früchte. Alle drei Faktoren müssen in der Apfelzüchtung im Zusammenspiel mit weiteren Eigenschaften berücksichtigt werden.
Ökologische Pflanzenzüchtung als Chance
Die standortangepasste, ökologische Pflanzenzüchtung kann essenzielle Beiträge zur Stärkung der Klimaresilienz der Landwirtschaft leisten. Die Sortenentwicklung und -prüfung in direkter Interaktion mit einer sich verändernden Umwelt ist nicht nur risikobehaftet, sondern verfügt gleichzeitig über großes Potenzial: Wenn sie auf Basis einer hohen genetischen Vielfalt unter realen Umweltbedingungen erfolgt, können Merkmale für eine breit abgestützte Stresstoleranz selektiert werden.
Es braucht einen Systemwandel
Als übergeordnetes Ergebnis des Workshops wurde herausgestellt, dass die Klimakrise eine grundlegende Transformation der Agrar- und Ernährungssysteme erfordert. Den Möglichkeiten der Anpassung durch Züchtung allein sind aufgrund des schieren Ausmaßes und der Komplexität der Herausforderungen Grenzen gesetzt. Gleichzeitig sind die Beiträge der Pflanzenzüchtung zur Transformation der Ernährungssysteme unverzichtbar, beispielsweise durch die Entwicklung geeigneter Sorten für regionale Wertschöpfungsketten oder humusaufbauende Anbausysteme. Angesichts der langen Planungs- und Entwicklungszeiträume ist es essenziell, dass Zuchtziele und Programme frühzeitig entsprechend ausgerichtet werden.
Die Bedeutung des Gesamtsystems wurde am Beispiel der Anforderungen an Biogemüse im Lebensmitteleinzelhandel besonders deutlich: Der Preisdruck sowie Qualitäts- und Uniformitätsstandards sind bereits jetzt sehr hoch. Wie sollen diese zukünftig erfüllt werden, wenn die Bedingungen im Anbau immer schwieriger werden? Das gesamte System muss verändert werden.
Der Handel ist gefragt
Eine mögliche Reaktion auf die Klimakrise besteht zudem im Anbau und der Züchtung neuer, bisher wenig genutzter Kulturarten. Aber auch hier sind der Handel und Konsument*innen entscheidend, wie das Beispiel des Versuchs der Markteinführung der Platterbse zeigt. Die Kultur zeichnet sich durch ihre ausgeprägte Trocken- und Hitzestresstoleranz aus. Für die Abnahme, Verarbeitung und Vermarktung des Erntegutes fehlen jedoch aktuell die Strukturen und die Nachfrage. Ein starkes Engagement des Handels und ein abgestimmtes Vorgehen mit Einbindung der verschiedenen Stakeholder sind zur Etablierung neuer Kulturen notwendig.
Kooperation für eine resiliente Züchtung
Der Workshop bildete den Ausgangspunkt, um die Thematik Pflanzenzüchtung und Klimakrise weiter zu verfolgen. In einem durch ein Projekt begleiteten kontinuierlichen Prozess sollen die Vulnerabilitäten regional verankerter, standortangepasster Züchtungs- und Erhaltungsorganisationen systematisch erfasst werden, um Lösungsansätze mit Praktiker*innen in einem partizipativen Prozess zu erarbeiten. Der Fokus wird auf der Entwicklung von Kooperationsmodellen liegen. Das Ziel besteht darin, die Resilienz der Pflanzenzüchtung und der Erhaltung genetischer Vielfalt mittel- und langfristig zu stärken.
Eva Gelinsky, IG Saatgut, Sebastian Kussmann, Mercator Kolleg, Carl Vollenweider, Forschung & Züchtung Dottenfelderhof
Eine etwas längere Fassung dieses Textes erscheint in Ökologie & Landbau (Heft 4/2026).
Dr. Eva Gelinsky ist politische Koordinatorin der Interessengemeinschaft gentechnikfreie Saatgutarbeit (E-Mail). Sebastian Kussmann ist Agrarwissenschaftler und Stipendiat des Mercator Kollegs für internationale Aufgaben (E-Mail). Dr. Carl Vollenweider ist Geschäftsführer der Forschung & Züchtung Dottenfelderhof in Bad Vilbel (E-Mail).
Weiterführende Informationen
Saat- und Pflanzgut (Rubrik Pflanzenbau)
IG Saatgut (ig-saatgut.de)
Forschung & Züchtung Dottenfelderhof (dottenfelderhof.de)
