Die Bäume sind momentan nicht bei den Direktzahlungen angemeldet. Hauert und Ulm schätzen eine gewisse Freiheit in der Bewirtschaftung. Foto: Agridea, Corinne Zurbrügg
«Es tut gut, neben dem aktuellen grossen Eingriff in die Landschaft auch die schon etwas etablierten Flächen aus 2024 zu sehen», stellen die Betriebsleitenden fest. Foto: Agridea, Corinne Zurbrügg
Nach einem längeren Bewilligungsprozess laufen derzeit die aktuellen Arbeiten auf einer neuen Par-zelle. Foto: Agridea, Corinne Zurbrügg
Die Betriebsflächen sind arrondiert, aber viele liegen am Hang. Die Flächen sind ideal für Vollweide und saisonale Abkalbung. Das Betriebsleiterpaar hat viele Biodiversitätsförderflächen angelegt und begeistert sich für das Thema. Christoph Hauert sagt dazu: «Wenn man es sieht und kennt, freut man sich daran».
Ein Hochwasserereignis nach einem starken Gewitter mit Erd-Erosion aus der eigenen Parzelle startete beim Betriebsleiterpaar einen Denkprozess. Sie probierten in den Folgejahren verschiedene Methoden aus, um die Erosion zu verhindern. Über das Anlegen von Nützlingsstreifen zu Streifenanbau bis zur Begrünung der Fahrgassen kamen sie zu einem umfassenderen Wassermanagement.
Bei einem Anlass hörten Hauert und Ulm von Wasserrückhaltelinien, kombiniert mit Bäumen (Keylines und Agroforst). Das System bietet neben dem Erosionsschutz auch eine verlängerte Wasserverfügbarkeit für die umliegenden Kulturen und Weiden.
Im Frühling 2024 haben sie dann auf den ersten beiden Flächen entsprechende Systeme angelegt. Für die Erstellung der Keylines und des Agroforsts auf der ganzen Betriebsfläche fehlten die Finanzen.
Bewilligungsprozess aushalten
Für die weiteren Etappen haben Hauert und Ulm deshalb beim Kanton Solothurn angefragt, da dieser über das Mehrjahresprogramm innovative Projekte unterstützt. Für die Förderung war unter anderem ein bewilligtes Baugesuch die Voraussetzung. «Oftmals wollte ich wegen der vielen Einsprachen die Flinte ins Korn werfen», erinnert sich Hauert zurück. Neben viel Schreibarbeit brauchte es einen runden Tisch mit den drei Amtsleiter*innen (Raumplanung, Umwelt und Landwirtschaft) und insgesamt zwei Jahre, um eine Einigung zu erzielen. Dafür ist das Projekt heute breit abgestützt und gilt als «Projekt von öffentlichem Interesse». Vor Kurzem hat die zweite Projektphase begonnen, es werden gerade die Gräben ausgebaggert.
Volle Wassergräben
Philipp Gerhardt, ein Keyline- und Agroforstexperte aus Deutschland, unterstützt den Betrieb bei der Planung. Mit dem Laser vermisst er die Sohle und die Kuppe des Grabens und weist den Bagger an. In der Hanglage ist eine sehr präzise Arbeit notwendig, um das Wasser richtig zu führen.
Auf den Flächen von 2024 haben sich die Gräben bereits bewährt. Christoph Hauert stellt fest: «Ich fühle mich nicht schlecht mit den vollen Gräben. Das Wasser ist zwar nicht im Bach, geht aber auch nicht verloren und liefert verzögert sogar Wasser nach.» Die Gülle bleibt laut Hauert ebenfalls in den Gräben. «Wir haben Mist ausgebracht und nach dem Regen hat sich eine braune Suppe in den Gräben gesammelt». Dies öffne einem die Augen, was auf dem Feld und danach mit dem Wasser passiert.
Bei guten Witterungsbedingungen werden die Gräben beweidet, bei schlechten ausgezäunt. Sie werden teilweise mit Kunstwiese und teilweise mit einer regionalen BFF-Mischung angesät. «Es ist ein Aufwand, um die Gräben zu mähen und zusammenzutragen, das muss man wollen», berichtet das Paar ehrlich.
Schnelles Holz
Hybridpappeln dienen als Energieholzlieferanten auf dem Gerbehof. Das System soll möglichst binnen 10 Jahren einen positiven Einfluss auf das Mikroklima entwickeln. Dafür sind die schnellwachsenden Bäume ideal. Aber auch langsam wachsende Baumarten stehen auf den Linien, darunter Eichen und Kirschen, mit denen Wertholz produziert werden soll. «Von denen profitieren eventuell einmal unsere Enkel», stellt Eva Ulm fest, «Wir sind in 10 Jahren pensioniert».
Flexibel bleiben
Hauert und Ulm sind von der Wichtigkeit der Biodiversität überzeugt: «Es braucht diverse Lebensräume und eine Dynamik auf dem Betrieb», sagen sie. Dass sich nicht immer alles im Vorfeld steuern oder planen lässt, zeigt folgendes Beispiel: Nach englischem Vorbild haben Hauert und Ulm als Weideabschluss eine Hecke nur mit Weissdorn angelegt. Nachdem die eigentliche Biodiversitätshecke mit den Dornensträuchern zu hoch geworden ist, zog der Neuntöter in die Weissdorn-Niederhecke um. In der Biodiversitätshecke wohnt dafür jetzt die Gartengrasmücke.
«Uns ist bewusst, dass wir mit den Gräben in die Landschaft eingreifen. Sie sollen uns aber mittelfristig weiterhin ermöglichen, Lebensmittel zu produzieren», merkt Hauert an. Mit ihren Bäumen leisten sie ausserdem einen Beitrag zur Begrenzung der Klimaerwärmung, sind die beiden überzeugt.
Breite Unterstützung
Das aktuelle Projekt auf dem Gerbehof wird von mehreren Geldgebenden unterstützt: Kanton SO, Adapt+ (BAFU), Fonds Landschaft CH, Silvocultura und Visio Permacultura.
Christoph Hauert und Eva Ulm haben eine Betriebsführung für die Mitglieder vom Nationalen Netzwerk Schweiz im Projekt FarmBioNet und die Beratungsgruppe Biodiversität Landwirtschaft angeboten und von ihren Erfahrungen erzählt. Die Gruppe schätzte diese Bereitschaft sehr.
Corinne Zurbrügg, Agridea
Simona Moosmann, FiBL
Weiterführende Informationen
Gerbehof (Webseite)
FarmBioNet (Webseite)
Agroforst (Rubrik Pflanzenbau)
