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Biodiversität geht nur mit der Gesellschaft

Meldung  | 

Die Beiträge zu einer Veranstaltung auf dem Gut Sonnenberg im Limmattal machen deutlich, dass es für die Biodiversität einiges mehr braucht als motivierte Landwirtinnen und Landwirte: Eine zahlungsbereite Kundschaft, politische Unterstützung und der Rückhalt der Gesamtbevölkerung sind unumgänglich, soll es wirklich artenreicher werden.

Armon Fliri (Mitte) präsentiert der Gruppe den Status Quo und Aufnahmen aus dem Frühjahr von den Biodiversitätsförderflächen, die zum Hof Gut Sonnenberg gehören. Foto: FiBL, Simona Moosmann

Die Scheune bot Platz, um das Handbuch Biodiversität vorzustellen und spannende Gedanken zum Thema zu teilen. Hubert Schürmann von der Schweizerischen Vogelwarte (links) stellte die Autor*innen vor. Foto: FiBL, Simona Moosmann

Die Angusrinder weiden auf der Gründüngungsfläche. Die Mischung enthält unter anderem Sorghum. Foto: FiBL, Simona Moosmann

Johanna Fliri zeigt eine Spatenprobe. Die krümelige Bodenstruktur sei das Ergebnis jahrelanger Bemühungen um eine gute Bodenfruchtbarkeit. Foto: FiBL, Simona Moosmann

Das Gut Sonnenberg liegt direkt über dem dicht besiedelten Limmattal und ist dementsprechend gut besucht. Foto: FiBL, Simona Moosmann

Das Thema ist Biodiversität, der Aufhänger das neu dazu erschienene Praxishandbuch von FiBL und Schweizerischer Vogelwarte. Johanna und Armon Fliri führen Mitte September eine Gruppe Medien- und Interessensvertreter*innen über ihren über stadtnah gelegenen Hof «Gut Sonnenberg».  Die Beteiligten sind sich einig, dass es eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe ist, für die Biodiversität Sorge zu tragen. 

Der anhaltende Biodiversitätsverlust kann frustrierend sein: «Das ist vielleicht die grösste Gefahr, dieser schleichende Verlust und dass wir uns immer mehr daran gewöhnen von Generation zu Generation.», teilt Urs Brändli, Präsident von Bio Suisse seinen Eindruck.

Die gute Nachricht dabei: «Es kann sehr einfach sein, etwas dagegen zu tun», wie Hubert Schürmann, Mitglied der Geschäftsleitung der Vogelwarte und Mitautor des Praxishandbuchs sagte, «es gibt sehr viele Möglichkeiten und Massnahmen, die mit wenig Aufwand umgesetzt werden können und die bereits einen Unterschied machen.» 

«Der Boden ist die Grundlage» 

Familie Fliri lässt ihre Angusrinder auf der Gründüngung mit Sorghum weiden. Das ist zum Teil der Trockenheit geschuldet. Die Tiere sehen inmitten der hohen und sattgrünen Pflanzen aber hochzufrieden aus. Eine Spatenprobe auf der Fläche lieferte den Beweis für die gute Bodenfruchtbarkeit. Selbst im aktuell sehr trockenen Boden ist die Krümelstruktur gut zu erkennen. 

Armon Fliri untermalt damit: «das ist für uns elementar wichtig, dass wir auf den Boden gut achtgeben.» Sein Ziel ist: «Die Mikroorganismen müssen darin ein Zuhause finden». Dafür brächten sie auf dem Betrieb sehr viel organische Substanz ein. 

«Das Geld gehört auch dazu» 

Der nahe gelegene, wunderbar gestufte und artenreiche Waldrand, sowie die hohe Bodenbiodiversität hätten auch ihre Schattenseiten, berichtet Johanna Fliri: «Die Wildschweine mögen das auch sehr». 

Johanna Fliri ist es wichtig, nicht nur die heile Welt, sondern auch die damit verbunden Herausforderungen zu zeigen: «Biodiversität ist schön, es macht Freude, aber das allein reicht nicht». Oft sei die Zeit ein limitierender Faktor. «Es braucht wirklich Motivation von einzelnen Bäuerinnen und Bauern, Massnahmen umzusetzen, für die es keine Direktzahlungen gibt». Den Fliris hilft ihre Überzeugung: «Wir profitieren davon. Ein Betrieb, der im Gleichgewicht ist, funktioniert besser». Dennoch, so macht Johanna Fliri deutlich: «Es gehören auch Investitionen dazu». 

Jürn Sanders, Vorsitzender der FiBL-Geschäftsleitung, brachte dazu konkrete Zahlen mit, die bislang marktwirtschaftlich nicht abgebildet werden. «Der ökonomische Nutzwert der Insektenbestäubung wird auf bis zu 500 Millionen Schweizer Franken pro Jahr geschätzt», zitiert er eine Agroscope-Studie. In seinem Fazit stimmt er Johanna Fliri zu: «Landwirt*innen brauchen verlässliche Rahmenbedingungen und eine faire Honorierung.» 

«Biodiversität meint auch den Mensch»

Neben einer Vielzahl von Arten haben die Fliris auch eine Vielzahl von Menschen auf ihrem Betrieb. Allein während dem Betriebsrundgang an einem Wochentag trifft die Gruppe auf mehrere Joggerinnen, Radfahrer, Familien und Reiterinnen. «Wir sind im ganzen Limmattal von der Stadt umgeben», erklärt Armon Fliri ihre Situation, «unsere Kühe dekorieren die Landschaft». 

Es sei nicht immer einfach, wenn es am Wochenende 2000 Leute auf dem Hof habe, berichtet er. Die Fliris sehen darin eine Chance: «Wir müssen eine Verbindung herstellen». Dabei machten sie viele positive Erfahrungen, betont Johanna Fliri, aber eben auch negative. Armon ergänzt: «Häufig ist es die Art der Kommunikation, die man aushalten muss. Meistens kann man in einem guten Gespräch vieles lösen». 

Urs Brändli betont eingangs: «Zum Schutz und zur Förderung der Biodiversität müssen wir alle unseren Beitrag leisten». Damit meint er auch und vor allem die Allgemeinbevölkerung. Dass das sehr konkret für den Betrieb wichtig ist, macht Armon klar: «Gerade im Bioanbau brauchen wir resistente Sorten und eine sinnvolle Fruchtfolge. Wir müssen auch anbauen, was gekauft wird. Wir sind deshalb darauf angewiesen, dass die Konsumentinnen und Konsumenten diese Vielfalt essen.» 

«Es verändert sich etwas» 

Biodiversität ist nicht nur eine Sachdiskussion, Emotionen sind eng damit verbunden. Das illustriert Christian Schürch, pensionierter Vizepräsident von IP Suisse, mit Tendenz zur Gänsehaut an einem Beispiel: «Der Rotmilan ist kräftig und doch unglaublich aerodynamisch. Die Federn sieht man einzeln und jede ist in ihrer Funktion perfekt.» 

In der Einstellung zum Thema Biodiversität sieht er eine positive Entwicklung. Vor 10 bis 12 Jahren, so Schürch, sei eine weit verbreitete Rückmeldung aus der Landwirtschaft gewesen: «Hört endlich auf mit eurem Vogelschissdreck». Heute kämen die Leute mit leuchtenden Augen zu ihm: «Ich habe einen Neuntöter gesehen, in der Hecke, die ich gepflanzt habe». 

Armon Fliri bestätigt diese Aussage: «Es freut uns, wie viele verschiedene Arten hier vorkommen. Wir hoffen auch, dass sich die Biodiversität hier ausbreitet. Und wir sind überzeugt davon und spüren, dass uns das etwas bringt». 

Simona Moosmann, FiBL 

Weiterführende Informationen 

Das Gut Sonnenberg wird seit 2004 als Biobetrieb von Johanna und Armon Fliri bewirtschaftet. Es liegt in Unterengstringen über dem Limmattal im Kanton Zürich. Auf 40 Hektaren landwirtschaftlicher Nutzfläche halten die Fliris 28 Mutterkühe, einige Masttiere und 18 Pensionspferde. Auf 16 Hektaren Ackerfläche bauen sie unter anderem Soja, Hafer und Weizen sowie Reben an. Ihre Biodiversitätsmassnahmen umfassen Saum auf Ackerland, Altgrasstreifen, Baumreihen als Vernetzungselemente zwischen Waldbereichen, Amphibienhotels und vieles mehr. 

Praxishandbuch Biodiversität (FiBL Shop) 
Hof Gut Sonnenberg (Webseite) 
Biodiversität (Rubrik Nachhaltigkeit) 

 

Hinweis: Dies ist eine tagesaktuelle Meldung. Sie wird nicht aktualisiert.

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