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Biogemüsebau kann funktionelle Biodiversität fördern helfen

Meldung  | 

Vor kurzem hat in der Westschweiz der Erfahrungsaustausch Biogemüsebau des FiBL stattgefunden. Am Vormittag standen Referate zum Thema funktionelle Biodiversität auf dem Programm und am Nachmittag ein Besuch bei den lokalen Gemüseproduzent*innen von Gfellerbio. Wichtige Erkenntnis: Einst war die Landwirtschaft eine wichtige Promotorin für Biodiversität. Heute muss sie hart (und vom Staat kräftig unterstützt) daran arbeiten, wieder dorthin zu kommen.

Viel Diskussionsstoff: Teilnehmende am Erfahrungsaustausch unterhalten sich über Beobachtungen auf dem Betriebsrundgang. Foto: Santiago Perez Bernal, FiBL

Urs Gfeller erzählt den Besuchenden über seinen Betrieb. Foto: Santiago Perez Bernal, FiBL

Der essbare Wald von Gfellerbio weckte das Interesse der Besucher.*innen Foto: Santiago Perez Bernal, FiBL

FiBL-Forscher Lukas Pfiffner informierte über die Bedeutung der Biodiversität im Gemüsebau. Foto: Santiago Perez Bernal, FiBL

FiBL-Gemüsespezialist Pascal Herren berichtet über Rosenkohlanbau und die Erfolge mit funktioneller Biodiversität. Foto: Adrian Krebs, FiBL

Leonie Seehafer informierte über Additives Intercropping, ein Spezialverfahren aus der funktionellen Biodiversität. Foto: Adrian Krebs, FiBL

Jacqueline Oehri vom Büro Quadra informierte über die Bedeutung von Biodiversität im Landschafts-Zusammenhang. Foto: Adrian Krebs, FiBL

Er baut auf 9 Hektaren Gemüse an: Urs Gfeller während der Betriebsvorstellung am Erfahrungsaustausch Gemüsebau. Foto: Adrian Krebs, FiBL

Gute Passantenlage: Der Hofladen von Gfellerbio liegt direkt an der Hauptstrasse. Foto: Adrian Krebs, FiBL

Peperoni und Tomaten soweit das Auge reicht: Blick in eines der Treibhäuser von Gfellerbio. Foto: Adrian Krebs, FiBL

«Funktionelle Biodiversität – der unverzichtbare Helfer im Gemüseanbau» lautete der Titel des Erfahrungsaustausches Gemüsebau in Sédeilles. Es sei ein superwichtiges, grundlegendes Thema, das trotzdem leider nicht ausreichende Beachtung finde, betonte Tagungsleiter Severin Hellmüller vom FiBL zum Auftakt des Anlasses im waadtländischen Sédeilles. An einem heissen Tag Mitte August fand das Thema aber ordentlich Beachtung: Rund 40 Personen nahmen am ganztägigen FiBL-Anlass im lokalen Gemeindesaal teil. 

Das landwirtschaftliche Biodiversitäts-Paradox

Severin Hellmüller warf zunächst einen Blick auf die Ursachen der abnehmenden Biodiversität. Es dränge sich das Fazit auf, dass die Landwirtschaft grossen Anteil habe am Verschwinden von Insekten und Pflanzenarten. «Da zeigt sich ein Paradox», so der Gemüsespezialist vom FiBL, «Biodiversität ist ein grundlegendes Element für das Funktionieren der Landwirtschaft, gleichzeitig ist die Landwirtschaft ein Haupttreiber für den Rückgang der Biodiversität». Er erwähnte ein paar Schlüsselzahlen, so etwa, dass in der Schweiz aktuell 60 Prozent der Insektenarten bedroht oder stark gefährdet seien.  

Hauptziel der Tagung war es, Methoden zu diskutieren, welche dem Rückgang entgegenwirken und gleichzeitig die positiven Nebeneffekte der Biodiversität nutzen helfen. Diese Art von Anwendungen wird häufig unter dem Begriff funktionelle Biodiversität zusammengefasst. Sie dienen vor allem der Bestäubung und der Schädlingsregulierung. Hellmüller betonte, dass man das Thema auf den verschiedenen Ebenen anschauen wolle: Feld, Betrieb und Landschaft – verbunden mit der Frage, wie sich die Elemente vernetzen lassen. 

Gute Resultate mit gesamtbetrieblicher Beratung

Hellmüllers FiBL-Kollege Lukas Pfiffner, der seit 1990 am FiBL forscht, gab anschliessend eine Tour d'Horizon zur Situation der Biodiversität und des nachhaltigen Pflanzenschutzes im Biogemüsebau. Sein Forschungsfokus ist seit längerem die Förderung von Biodiversität und Bodenfruchtbarkeit im Bioanbau mit möglichst wenigen Hilfsstoffen und möglichst hoher Selbstregulation für nachhaltige Produktivität. 

Mit einer gesamtbetrieblichen Biodiversitätsberatung werden laut Pfiffner meist die besten Resultate erzielt. «Es braucht Jahre bis ökologische Netzwerke wirksam und so nützlich werden», sagte er. Der vielfältige Biogemüsebau habe grosses Potential, die funktionelle Biodiversität zu fördern und so das Anbausystem resilienter und robuster zu machen.

«Starke Reduktion der Insektenbiomasse ist schockierend»

«Seit 30 Jahren wissen wir um das Insektensterben und den Biodiversitätsverlust in der Landschaft», fuhr Pfiffner fort. Im Kern gehe es um den starken Rückgang funktioneller Gruppen: Bestäuber, natürliche Gegenspieler und Zersetzer der Pflanzenbiomasse. Dies seien die drei Hauptgruppen, die agronomisch relevant sind, so Pfiffner. Für ihn als Entomologe sei die starke Reduktion der Insektenbiomasse, auch im Grünland und in Naturschutzgebieten, schockierend. Der Biolandbau könne da entgegen steuern - mit Blühflächen, Säumen, Hecken, Kleinstrukturen und weiteren Biodiversitätsförderflächen (BFF).

Neben dem Einsatz von Pestiziden und Stickstoffdüngern sieht Pfiffner hohe Tierdichten, Flurbereinigungen, grosse Maschinen sowie die Homogenisierung der Landschaften und Pflanzengesellschaften als wichtige Ursachen. Die zweite nicht-landwirtschaftliche Ebene, die aus seiner Sicht häufig vergessen geht, sind Siedlungen, Lichtverschmutzung, die Ausbreitung invasiver Neobionten und der Klimawandel. 

Umso wichtiger sei die Verankerung einer massgeschneiderten funktionellen Biodiversität auf Betriebsebene. Sie trage zur Verbesserung vieler wichtiger Ökosystemdienstleistungen bei. «Ein verbessertes Nahrungsangebot mit ausreichend Nektar und Pollen sowie naturnahe Lebensräume zur Überwinterung sind für Insekten und andere Kleintiere überlebenswichtig», so Pfiffner. 

Gute Erfolge im Kampf gegen weisse Fliege 

Anschliessend erläuterten Forschende diverse Projektbeispiele für funktionelle Biodiversität. Den Auftakt machte Pascal Herren vom FiBL mit seinen Rosenkohl-Projekten. Im biologischen Rosenkohlanbau sind Erdflöhe, kleine Kohlfliege, Kohlweissling, Kohleule, mehlige Kohlblattlaus sowie die weisse Fliege die problematischen Schädlinge. Letztere sorgt für die grössten wirtschaftlichen Schäden, weil sie Honigtauablagen macht, die schwarze Verfärbungen auf den Röschen auslösen. 

Im laufenden Versuch auf dem Markhof bei Agrico wollten Herren und seine Kolleg*innen herausfinden, ob die funktionelle Biodiversitätsmischung, die extra für Weisskohl entwickelt wurde, die Population der Weissen Fliege im Rosenkohl Wirkung unter Kontrolle bringen kann. Sie enthält unter anderem Kornblume, Echten Buchweizen, Klatschmohn und Futterwicke. 

Die ersten Resultate sind durchwegs positiv. Die Nützlinge vermochten die Weisse Fliege und die ebenfalls schadrelevanten Erdflöhe sowie Blattläuse gut zu regulieren. Positiv seien auch die Ernteresultate ausgefallen. Zwar konnten nicht höhere Mengen verzeichnet werden, dafür aber ein höherer Anteil Erstklassware. Laut Herren sind weitere Betriebe für Versuche gesucht, man könne sich direkt bei ihm melden (s. Kontakt nebenstehend).

Mit Holunder Nützlinge ins Gewächshaus locken

Ein anderes interessantes Modell beschrieb in ihrem Referat Patricia Schwitter, die am FiBL in der Romandie tätig ist. In einem von Bio Vaud unterstützten Versuch, der vom Betriebsleiter angeregt wurde, testet Schwitter den Nutzen von Holunder als Magnet für Nützlinge im Tomatenanbau. «Holunder ist spannend, weil er viel extrafloralen Nektar produziert und dadurch viele Insekten anzieht und ernähren kann», sagte sie. Gleichzeitig wird er ebenfalls gerne von Blattläusen befallen. 

Das heisst, der Holunder ist gleichzeitig attraktiv für Schädlinge und Nützlinge. Das Ziel des Versuchs war nun, mittels abgeschnittener Holunderäste die natürlichen Gegenspieler ins Tomatengewächshaus zu bringen. Die Resultate zeigen, dass zwar mehr Nützlinge, aber auch etwas mehr Läuse im Gemüsetunnel auftraten, im Vergleich mit dem Einsatz von kommerziellen Nützlingen. Für abschliessende Aussagen sind die Versuche aber nicht geeignet. 

Additives Intercropping: Einzelpflanzen inmitten der Gemüsekultur

Leonie Seehafer von der bayerischen Landesanstalt für Weinbau und Gartenbau warf anschliessend ein Schlaglicht auf das sogenannte Additive Intercropping. Dabei handelt es sich nicht um eine neue Bodenbearbeitungsform oder eine innovative Fruchtfolgenerweiterung, sondern um die Platzierung von nützlingsfördernden Einzelpflanzen in Gemüsebeständen.

Zunächst präsentierte sie das Anforderungsprofil an die Blühpflanze:

  • Unattraktiv für Problemschädlinge
  • Kein Nachteil für Kulturpflanzen
  • Gleiche Anbautechnik, Bewässerung, Düngung und Platzbedarf wie Kulturpflanze
  • Familienfremde Arten (Ausnahme: Steinkraut Brassicaceae wie Kohl, aber viel Nutzen aufgrund hoher Pollen- und Nektarwirkung)
  • keine schwer bekämpfbaren Samen
  • Und fast das Wichtigste: Einfaches Handling (mitsäbar)

Nicht jede Pflanze bietet Nahrung für jedes Insekt

Gleichzeitig muss die Blühpflanze laut Leonie Seehafer für Nützlinge attraktiv sein, deshalb sind Blütenmorphologie und die Produktion von Pollen und Nektar wichtig. Denn nicht jede Pflanze bietet eine Nahrungsquelle für jedes Insekt. Viele Insekten sind spezialisiert. 

Im Wettbewerb um die bestgeeigneten Blühpflanzen schwangen Steinkraut, Kornblume und Ringelblume obenaus. Steinkrautarten entwickelten sich sehr positiv und blühten bereits früh im Jahr bis ca. Mitte Oktober. Die Pflanzen blieben durchgängig vital, bei Insekten waren sie sehr beliebt. Die gepflanzten Kornblumen blühten bis Anfang August, die Sävariante bis Ende August. Sie wurden gut besucht von Hummeln, Bienen und Schwebfliegen. Die Ringelblume in der gepflanzten Variante blühte bis ca. Anfang August, vereinzelt sogar bis September.

Seehafer zog ein positives Fazit: Der gewünschte Effekt konnte erzielt werden. Man fand in den Parzellen mit Additivem Intercropping mehr Nützlinge und weniger Schadinsekten. Bei der Auswahl der Blühpflanzen zeigte sich, dass bei existierender Erdflohproblematik auf Steinkraut verzichtet werden sollte. 

Was der Landwirtschaft zu denken geben muss

Das Referatsprogramm rundeten zwei interessante, wenn auch sehr unterschiedliche Beiträge ab. Die Ökologin Jacqueline Oehri vom Zürcher Beratungsbüro Quadra informierte über die Bedeutung der Gesamtbetrachtung. Also weg von der einzelnen Parzelle, hin zur Landschaft. 

Was der Landwirtschaft zu denken geben muss: Bis zum ersten Weltkrieg war sie eine Promotorin der Biodiversität. Indem sie neue Lebensräume schuf, trug sie zur Artenvielfalt bei. Seither ist die Tendenz umgekehrt. Aufgrund der Ausräumung der Landschaft wurden genau diese Lebensräume wieder eliminiert und heute versucht man sie mittels Beiträge für BFF wieder zu etablieren.

Bis zu 4000 Franken pro Hektare

Aufschlussreich war auch das Referat von Matthieu Raemy vom Bundesamt für Landwirtschaft (BLW). Er vertiefte die Aussagen Oehris indem er die Förderung der diversen BFF-Typen auf offener Ackerfläche in Erinnerung rief: Buntbrache, Rotationsbrache, Saum auf Ackerfläche, Ackerschonstreifen und Nützlingsstreifen für Bestäuber und Nützlinge.

Für funktionelle Biodiversität bietet sich namentlich der Nützlingsstreifen an. Dabei muss es sich laut BLW um «eine mit einjährigen, besonders für Bestäuber und Nützlinge attraktiven Arten angesäte Fläche» handeln. Das Beitragsniveau liegt hier bei beachtlichen 3300 Franken pro Hektare auf offener Ackerfläche, gar 4000 Franken erhält man pro Hektare Nützlingsstreifen in Dauerkulturen. 

40 Mitarbeitende auf 14 Hektaren 

Am Nachmittag begab sich die Gruppe auf Betriebsbesuch bei der Gfellerbio, die ihren stattlichen Gemüsebetrieb an mehreren Standorten rund ums Dorf unterhält. Die Gemüsefläche beträgt inklusive 7500 Quadratmetern geschütztem Anbau insgesamt 9 Hektaren, der Gesamtbetrieb verfügt über 14 Hektaren Fläche. 

Ein Kurzbesuch auf dem erst 2004 gegründeten Betrieb zeigte, dass der Hofladen ausgesprochen attraktiv ist und ein grosses Sortiment bietet. Gleichzeitig unterhält das Unternehmen eine Website mit Shop. Daneben betreibt man ein umfangreiches Vertragslandwirtschaftssystem, so dass die gesamte Produktion direkt vermarktet werden kann. 

Der Betrieb hat 40 Mitarbeitende (21 Vollzeitstellen), darunter auch immer zwei Lernende und ein bis zwei Praktikant*innen. Als Besonderheit betreibt Gfellerbio einen sogenannten essbaren Wald mit rund 300 Früchte- und Beerensorten.

Adrian Krebs, FiBL

Weiterführende Informationen

Hinweis: Dies ist eine tagesaktuelle Meldung. Sie wird nicht aktualisiert.

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