Auf der Nüenalp muss Rahel Beglinger täglich dreimal Wasser transportieren, um die Kühe versorgen zu können. Foto: zVg
SMP-Präsident und Biolandwirt Boris Beuret aus dem Kanton Jura weiss noch nicht, ob er im Winter genügend Futter für seine Montbéliarde-Herde haben wird, das werde von der Wetterlage in den kommenden Wochen abhängen. Foto: Adrian Krebs
Vollweide-Spezialist Peter Trachsel aus Seon versucht, die kargen Überreste des Grünfutterbestands möglichst schonend zu bewirtschaften. Foto: Finn Trachsel
Stefan Jegge aus Kaisten auf einem Archivbild. Er versucht, rasch auf die Trockenheit zu reagieren. Foto: Theresa Rebholz, FiBL
Die Kontrollorganisation bio.inspecta wählt in ihrem jüngsten Newsletter drastische Worte: «Das Erntejahr 2026 verdient in Anbetracht der vielerorts vorherrschenden, teilweise katastrophal anmutenden Trockenheit, diese Bezeichnung kaum. Wir sind uns der Notlage der Betriebe vollauf bewusst!».
Heuernte 2026 vielerorts schon im Einsatz
Viele Betriebe seien bereits daran, die Heuernte 2026 dafür einzusetzen, ihre Raufutterverzehrer auf dem Betrieb halten zu können, so bio.inspecta. «Gleichzeitig erreichen uns Meldungen von Alpwirtschaften, welche Ende Juli den Betrieb als Folge von Futter- und/oder Wassermangel einstellen müssen.» Dies seien Massnahmen, welche die unter der Trockenheit und dem damit verbundenen Futtermangel leidenden Betriebe, doppelt auf eine harte und äusserst belastende Probe stellen.
Die Organisation verweist wie bereits kürzlich Bio Suisse auf die Möglichkeit «bei uns als Kontroll- und Zertifizierungsstelle ein Gesuch für den Zukauf von Bioraufutter ohne Knospe einzureichen» (s. Links unten). Offenbar diskutiert man bei Bio Suisse derzeit Lockerungen der Bewilligungsverfahren. Weitere Informationen dürften in Kürze folgen.
Teures Futter und schlechte Milchpreise
Wir haben mit einigen Biomilchproduzent*innen in verschiedenen Landesteilen gesprochen und sie gefragt, wie sie die Situation einschätzen. Boris Beuret aus Corban im Kanton Jura äussert sich deutlich: «Im ganzen Jurabogen ist die Situation sehr kritisch», so der Präsident der Schweizer Milchproduzenten (SMP). Er bestätigt die Beobachtung von bio.inspecta, dass vielerorts mit der Winterfütterung begonnen worden ist und zudem bereits Tiere von den Alpen zurückgekommen sind.
«Die Nachfrage nach Futter ist sehr gross», so Boris Beuret. Neben den hohen Kosten für Futterkäufe belasten gemäss dem SMP-Präsidenten auch die schlechten Milchpreise die Budgets auf den Betrieben. Und es sei keine Besserung in Sicht, im Gegenteil: Für die zweite Wochenhälfte ist im Mittelland mit Temperaturen von bis zu 39 Grad zu rechnen.
Vorzeitige Schlachtung bei stabilen Preisen
Beuret hat die Kühe, die er für den Herbst zur Schlachtung vorgesehen hatte, bereits vorgezogen verkauft. Die Preise für die Schlachtkühe seien bisher trotz einer leichten Senkung immer noch auf gutem Niveau. Bei der Fütterung verlässt er sich seit Jahren auf zwei Partnerbetriebe, dort konnte er sich schon im Frühjahr mit Luzerneballen eindecken und hat selber auch noch einige Hektaren mit Luzerne und Rotklee, die der Trockenheit bisher recht gut widerstanden haben.
Diese Flächen nutzt er mit Eingrasen, dazu kommt noch etwas Nachtweide, wobei die Kühe dabei nicht sehr viel Futter aufnähmen. Und: «In einer Woche wird diese Reserve auch aufgebraucht sein», so der Landwirt, in dessen Stall die Milchleistungen dank der ergriffenen Massnahmen nur wenig zurückgegangen sind. Beuret weiss noch nicht, ob er genügend Futter für den Winter haben wird, das wird von der Wetterlage in den kommenden Wochen abhängen.
Zufütterung seit Mitte Juni
Auf dem Vollweidebetrieb von Peter Trachsel im aargauischen Seon herrschen ebenfalls Ausnahmebedingungen. Er füttert schon seit Mitte Juni zu. Bis vor zwei Wochen habe er noch Letztjähriges verfüttern können, jetzt wird von der Ernte 2026 gezehrt. Das sei schon etwas hart. «Jede Balle, die ich jetzt brauche, fehlt dann im Februar, März 2027 während der Abkalbesaison», so Trachsel.
«Wir sind froh, saisonal Milch zu produzieren und ab Mitte November, im Dezember und Januar ausschliesslich Ökoheu verfüttern zu können», sagt der Landwirt. «Um den Verbrauch der Vorräte tief zu halten, ergreifen wir alle möglichen Massnahmen», sagt der Präsident der IG Weidemilch. Auf seinem Betrieb wurde seit dem trockenen Frühjahr die ganze zur Verfügung stehenden Fläche in die Weiderotation genommen. Das nicht Benötigte hat Trachsel als Reserve stehen gelassen und nicht gemäht.
1,2 Aren Weidefläche pro Kuh und Nacht
Dank einer diversen Zusammensetzung der Bestände, mit grossen Kräuter- und Kleeanteilen, liefern diese Wiesen noch etwas Ertrag und das ältere Futter wird gut gefressen. Mit einem Vor- und Rückzaun, maximum 12 Stunden Besatzzeit sei eine gezielte «Lenkung» der Tiere auf den Weideflächen möglich. Die Situation sei derzeit noch etwas besser als 2018, sagt Trachsel. Seon habe im Vergleich mit anderen Regionen noch etwas mehr Niederschlag durch Gewitter erhalten. Die Umstellung von Kurzrasenweide zu Portionsweide mit langen Ruhezeiten sei deutlich weniger belastend für den Wiesenbestand, so Trachsel.
Momentan erhalten die Kühe pro Nacht 1,2 Aren Weidefläche pro Tier, macht für seine 40 Kühe total zwischen 40 und 50 Aren. Bei einer Fläche von circa 20 Hektaren können die Weiden dann mindestens 40 Tage ruhen. Mit diesem Vorgehen kommt Trachsel momentan immer noch auf einen Weidefutteranteil von 40 Prozent. Ergänzt wird mit Grassilage und Dürrfutter tagsüber im Stall. Kommt der Regen aber auch im August nicht, werden leistungsschwächere Tiere trockengestellt, um qualitativ gutes Futter einzusparen.
«Baut Zwischenfutter statt Gründüngung an»
Aus dem aargauischen Fricktal hat sich Stefan Jegge bei bioaktuell.ch gemeldet. Er möchte einen kleinen Aufruf an alle Bioackerbauern platzieren, sagt der Landwirt aus Kaisten, «baut jetzt Zwischenfutter statt Gründüngung an», so sein Anliegen. Damit könnte die prekäre Situation ein stückweit entschärft werden, ist er überzeugt. Die Situation sein derzeit schlimmer als im sehr heissen Sommer 2003, sagt Jegge.
Er zieht derzeit alle futterbaulichen Register. Vor drei Wochen habe er Sorghum eingeschlitzt. Ob es ein Erfolg wird, ist noch unklar, ein Teil der Samen habe gekeimt. Ebenfalls eingesät hat er Futterraps und Sandhafer in einen Teil der Bestände, auch hier mit noch offenem Ausgang. Er habe soeben auch eine überwinternde Gründüngungsmischung gekauft, die er im April zu Fütterungszwecken einsetzen will. Jegge betont, dass man in der Dürre möglichst proaktiv handeln müsse. Und ein bisschen Glück sei auch vonnöten. Auf Biomondo habe er früh noch ein Fuder Siloballen erstehen können und ein Kollege, der aus der Mutterkuhhaltung aussteige, habe ihm sein Futter zugesichert.
Herausforderung Wasserversorgung auf der Alp
Rahel Beglinger aus dem Kanton Glarus erreichen wir an ihrem Sommer-Arbeitsplatz auf der Nüenalp. Mit ihrer Familie versorgt sie dort 34 Kühe, einen Stier, ein Stierkalb und 36 Rinder. Futtermässig gehe es noch, sagt die Berglandwirtin, die dem Bio Suisse-Vorstand angehört. Dank einigen Niederschlägen gebe es noch genügend zu fressen, ein früherer Abzug stehe nicht zur Diskussion. «Das gäbe Riesenprobleme mit den Futtervorräten im Tal».
Grössere Herausforderungen beschert auf der Nüenalp die Wasserversorgung. Eine der beiden Quellen führe viel zu wenig Wasser, die andere liefere ebenfalls nur schleppend und nur mit wenig Druck. Nun werden jeweils drei Stunden lang Wasserfässer befüllt und dreimal täglich zur Tränke der Kühe transportiert, so Beglinger. Damit verhindere man, dass die Kühe das wenige vorhandene Wasser der oberen Quelle saufen, das zum Käsen benötigt wird. Beglinger ist sich bewusst, dass ihre regionale Lage privilegiert ist. Sie berichtet von Bekannten in der Ostschweiz, die dringend nach neuen Alpplätzen suchen, weil ihre Tiere früher heimgekehrt sind.
Futtermischungen werden nicht auflaufen
In der Ostschweiz konnten wir mit Reto Osterwalder aus Wängi im Kanton Thugau sprechen. Er berichtet über regional recht unterschiedliche Situationen. Während es im Toggenburg und gewissen Teilen des Kantons Thurgau noch relativ grün sei, sei es vor allem im Zürcher Unterland und im Weinland sehr trocken.
Die Unterschiede sind auf die ebenso grossen Differenzen bei den jüngsten Regenfällen zurückzuführen. Von 50 Litern pro Quadratmeter bis gar nichts habe es alles gegeben. Es hänge nun viel von der weiteren Entwicklung ab. Für die nun grossflächig gesäten 300-er und 400-er Futtermischungen (nach Getreide) ist er nicht sehr optimistisch. Wenn es so trocken bleibe, würden diese nicht auflaufen.
Der Mais leidet und wird wenig Ertrag liefern
Ein weiteres viel diskutiertes Thema sei der Mais, der unter der Trockenheit ebenfalls stark leidet. «Es wird garantiert keine Normalernte geben», so Reto Osterwalder. Im Fachblatt «Schweizer Bauer» wurde diese Woche prognostiziert, dass die Silomaisernte drei bis vier Wochen früher beginnen wird, als üblich. Die Pflanzen reagieren mit Notreife, die Fahnen sind vielerorts bereits geschoben und die Kolbenanlagen sind, dort wo vorhanden, kümmerlich. Es werde laut Osterwalder nun stark vom Wetter der nächsten zwei, drei Wochen abhängen, wie gross die Maiseinbussen ausfallen werden.
Auch allfällige Futterimporte mit Ausnahmegesuchen seien nicht ohne weiteres gegeben, sagt Osterwalder. Das angrenzende Frankreich beispielsweise, einst ein wichtiges Bioluzerne-Importland, habe genau die gleiche Situation wie die Produzent*innen hierzulande. Reto Osterwalder selber befindet sich in einer etwas entspannteren Situation, weil er daran ist aus der Milchproduktion auszusteigen und auf Bio Weide-Beef umzusteigen mit deutlich weniger Tieren auf dem Betrieb.
Adrian Krebs, FiBL
Weiterführende Informationen
Handelsportal Biomondo der Bio Suisse (biomondo.ch)
Ausnahmegesuch-Formular bio.inspecta (bio-inspecta.ch)
Ausnahmegesuch-Formular Bio Test Agro (bio-test-agro.ch)
