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In-ovo-Verfahren wird wieder zum Thema

Meldung  | 

Seit Anfang 2026 werden in der Bioeier-Produktion alle Küken aufgezogen. Nun wollen Vorstand und Branche prüfen, ob die Geschlechtsbestimmung im Ei künftig als zusätzliche Alternative zugelassen werden könnte. Über einen entsprechenden Prüfauftrag entscheidet die Delegiertenversammlung von Bio Suisse im November.

Zur Geschlechtsbestimmung im Ei kommen verschiedene In-ovo-Verfahren zum Einsatz, darunter MRT. Foto: Orbem GmbH

Seit dem 1. Januar 2026 werden in der Produktion von Bioeiern alle Küken aufgezogen. Den Grundsatzentscheid zum Ausstieg aus dem Kükentöten hatten die Delegierten von Bio Suisse 2021 gefällt und dabei die Geschlechtsbestimmung im Ei (in ovo), ausgeschlossen. Dafür hat die Branche erheblich in die Aufzucht und Vermarktung der Bruderhähne investiert. 

Die Diskussion über diesen Weg ist jedoch nie ganz abgeebbt. Laut Adrian Schlageter, Verantwortlicher Tierwohl bei Bio Suisse, gab es auch während der Umstellung kritische Stimmen. Dennoch habe die gesamte Branche den Entscheid mitgetragen und umgesetzt. Neuen Schwung erhält die Debatte nun durch zwei Entwicklungen.

Zum einen erlaubt Biokreis als erster der grossen deutschen Bioverbände seit Mitte des Jahres das In-ovo-Verfahren vor dem neunten Bruttag – unter strengeren Bedingungen als gesetzlich vorgesehen (12. Bruttag). Auch Naturland und Bioland prüfen, unter welchen Voraussetzungen die In-ovo-Bestimmung künftig infrage kommen könnte. Hintergrund: In Deutschland ist das Kükentöten seit 2022 verboten. Die deutsche Biobranche habe jedoch beim Aufbau der Bruderhahn-Wertschöpfungsketten mit Schwierigkeiten gekämpft, erklärt Adrian Schlageter. Dadurch sei der Druck auf die Bioverbände gestiegen, sich für Alternativen zu öffnen. «Das beeinflusst auch die Debatte in der Schweiz.»

Und zweitens: Auch der Entscheid der Bio-Suisse-Delegiertenversammlung (DV) im Frühling 2026, neu Spermasexing als Selektionsmethode bei Rindern zuzulassen (siehe Bioaktuell 4|26 (12.3 MB)), hat die Diskussion zusätzlich verstärkt. 

Aus diesen Gründen besteht in der Branche ein breites Bedürfnis nach Klarheit und Planungssicherheit – sowohl für Betriebe, die bereits in die Bruderhahnaufzucht investiert haben, als auch für solche, die noch weiter investieren möchten. Am 18. November entscheiden die Delegierten über einen entsprechenden Antrag des Vorstands: Dieser schlägt vor, dass Bio Suisse die Bruderhahnaufzucht sowie den aktuellen Stand der In-ovo-Verfahren evaluieren und gemeinsam mit der Branche prüfen soll, ob und unter welchen Voraussetzungen in ovo als zusätzliche Alternative zugelassen werden könnte. Dabei sollen Wirtschaftlichkeit, Umsetzbarkeit sowie Chancen und Risiken beider Wege über die gesamte Wertschöpfungskette verglichen werden.

Wertschöpfung des Bruderhahns unter Druck

Für eine Evaluation des eingeschlagenen Weges sprechen aus Sicht des Vorstands auch die unterschiedlichen Erfahrungen mit den Bruderhahn-Wertschöpfungsketten. Diese funktionierten nicht überall gleich gut; teils konnten die zusätzlichen Kosten nicht vollständig weitergegeben werden. Zudem sei die Stallbelegung in Aufzucht und Eierproduktion schwieriger zu planen und weniger flexibel geworden.

Das Interesse an einer erneuten Prüfung kommt auch aus dem Detailhandel. Coop begrüsst den Vorstoss: Die reine Bruderhahnaufzucht überzeuge in der Praxis nicht in allen Punkten, so die Medienstelle. Ihre ökologischen und ökonomischen Auswirkungen seien zu hinterfragen. 

Investitionen und Glaubwürdigkeit

Die Zulassung eines In-ovo-Verfahrens könnte jedoch den bisherigen Bioweg unter Druck setzen. Adrian Schlageter gibt zu bedenken: «Würden entsprechende Bioeier günstiger angeboten, könnte die Bruderhahnaufzucht zur Nische werden.» Auch Direktvermarktende, die weiterhin alle Küken aufziehen, könnten gegenüber günstigeren In-ovo-Eiern einen Wettbewerbsnachteil haben. Diese Aussicht verunsichere insbesondere Betriebe, die bereits stark in die Bruderhahnaufzucht investiert hätten. Sie seien besorgt, ihre Investitionen nicht amortisieren zu können. Den bereits erbrachten Vorleistungen müsse bei der Prüfung also Rechnung getragen werden.

Die Branche habe zudem viel in die Kommunikation zur Aufzucht aller Küken investiert. Eine mögliche Zulassung eines In-ovo-Verfahrens berge deshalb auch Risiken für Image und Glaubwürdigkeit – nicht zuletzt gegenüber den Konsumentinnen und Konsumenten. Eine Evaluation müsste also auch klären, welche technischen Verfahren mit den Grundwerten des Biolandbaus vereinbar wären und wie eine Koexistenz mit der Bruderhahnaufzucht gestaltet werden könnte. Ob die Delegierten eine Evaluation nach nicht einmal einem Jahr der vollständigen Umsetzung von «Alle Küken leben» für sinnvoll und nötig halten, wird sich zeigen. An der kommenden Versammlung wird es zunächst nur um den Auftrag für diese ergebnisoffenen Abklärungen gehen. Über eine allfällige Zulassung eines In-ovo-Verfahrens müssten die Delegierten in einem weiteren Schritt entscheiden.

Katrin Erfurt, Bioaktuell Magazin

Dieser Artikel erschien im Bioaktuell Magazin 9|26.

Weiterführende Informationen

Bioaktuell 4|2026 (12.3 MB) (Artikel zu Spermasexing bei Rindern auf Seite 31)
Traktandenliste der DV vom 18. November (bio-suisse.ch)
Bioaktuell Magazin (Rubrik Magazin)

Hinweis: Dies ist eine tagesaktuelle Meldung. Sie wird nicht aktualisiert.

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