Diese Website unterstützt Internet Explorer 11 nicht mehr. Bitte nutzen Sie zur besseren Ansicht und Bedienbarkeit einen aktuelleren Browser wie z.B. Firefox, Chrome
FiBL
Bio Suisse
Logo
Die Plattform der Schweizer Biobäuerinnen und Biobauern

Aroma- und Heilpflanzen: Branche fürchtet um ihre Zukunft ohne Agroscope

Meldung  | 

Agroscope hat angekündigt, den Forschungsbereich Aroma- und Heilpflanzen an seinem Walliser Standort in Conthey – den einzigen seiner Art in der Schweiz – aus Spargründen aufzugeben. In der Branche herrschen Unverständnis, Enttäuschung, Wut und Sorge. Wir haben Stimmen von verschiedenen Akteur*innen gesammelt.

Kräuter sind wichtige Nischenprodukte, namentlich für Berglandwirt*innen. Foto: René Schulte; Bio Suisse

Annahme von Kräutern bei Valplantes in Sembrancher im Wallis. Foto: Claire Berbain

Mit der Schliessung des Agroscope-Forschungsbereichs für Aroma- und Heilpflanzen (PAM) in Conthey im Frühjahr 2027 gehen 45 Jahre Forschung und Sortenzüchtung zu Ende. In dieser Zeit wurden rund zwanzig Sorten entwickelt. Gleichzeitig kümmert sich das Zentrum um die Erhaltung des genetischen Pflanzenmaterials und bietet der Branche fachliche Unterstützung.

Angesichts dieses Entscheids sorgen sich sowohl die Produzentinnen und Produzenten als auch die Verarbeitungsbetriebe um die Folgen für ihre Tätigkeit und, darüber hinaus, um die Zukunft der Aroma- und Heilpflanzen in der Schweiz. Einer von ihnen ist Nicolas Loretan, Produzent in Ayent (VS), der seit mehr als dreissig Jahren mit Agroscope zusammenarbeitet.

«Ohne Agroscope droht das ganze Gefüge zusammenzubrechen»

Nicolas Loretan, Produzent in Ayent (VS)

«Das Potenzial von Aroma- und Heilpflanzen ist enorm, insbesondere für Bergregionen, die heute Kulturen brauchen, die sich an immer schwierigere klimatische Bedingungen anpassen können. Unsere Branche stützt sich auf vier Säulen: die Produzentinnen und Produzenten, die Verarbeitungsbetriebe, die Jungpflanzenproduzenten und die Forschung. Fällt Agroscope weg, droht das ganze Gefüge zusammenzubrechen.

Agroscope betreibt nicht nur Sortenzüchtung. Für uns Produzentinnen und Produzenten ist auch die fachliche Begleitung von unschätzbarem Wert. Die Forschenden kennen unsere Kulturen und die besonderen Boden- und Klimabedingungen. Bei Problemen können sie unsere Parzellen besichtigen, eine Diagnose stellen und uns bei der Suche nach einer Lösung begleiten. Ich habe das Gefühl, dass wir ohne sie ins Ungewisse steuern.

In den Alpen laufen wir buchstäblich durch eine Apotheke. Doch aus einer Wildpflanze eine professionell anbaubare Kultur zu machen, erfordert enorme Arbeit. Die Pflanzen müssen selektiert und vereinheitlicht werden, damit gleichmässige Bestände entstehen, die Erntezeitpunkte stimmen und die von den Verarbeitungsbetrieben gewünschten Eigenschaften – insbesondere die Wirkstoffgehalte – erreicht werden. Das ist eine langfristige Arbeit, die über Jahrzehnte aufgebaut wurde.

Zitronenthymian ist dafür ein gutes Beispiel. Mit den bisherigen Sorten konnten wir früher zweimal ernten, einmal im Juni und ein zweites Mal im September. Heute gelingt uns diese zweite Ernte aufgrund des Klimawandels und der grossen Hitze teilweise nicht mehr – obwohl Thymian eigentlich eine wärmeliebende Pflanze ist. Das zeigt, dass Züchtung nie als abgeschlossen betrachtet werden kann: Die Sorten müssen laufend an neue Bedingungen angepasst werden.

Der Klimawandel bringt zudem neue Pflanzenschutzprobleme mit sich. Ich erinnere mich an ein Jahr, in dem ungewöhnlich viele Schmetterlinge in unseren Salbeikulturen auftauchten. Die Pflanzen begannen abzusterben. Die Forschenden und Beratenden von Agroscope untersuchten die Larven sofort und zeigten uns Bekämpfungsmöglichkeiten auf, die mit den gesetzlichen Vorgaben vereinbar waren. Dank ihrer schnellen Reaktion konnte ich meine Kultur in diesem Jahr retten.

Ähnlich war es, als ich mit dem Anbau von Nachtkerzen begann. Agroscope begleitete mich von Anfang bis Ende: von der Bodenvorbereitung über die Anlage und Betreuung der Kultur bis zu ihrem Umbruch. Gerade diese Verbindung von Forschung und Begleitung in der Praxis ist unersetzlich.

Ich frage mich deshalb, wie gross die Einsparungen durch die Aufgabe dieser Tätigkeit tatsächlich sein werden – verglichen mit dem, was wir zu verlieren drohen. Was geschieht mit den Sorten und dem genetischen Erbe, die über Jahrzehnte hinweg selektiert wurden? Ich befürchte einen Verlust an Souveränität, insbesondere wenn die Züchtung vollständig in die Hände privater Akteure gelangt. Zu welchen Bedingungen werden wir künftig Zugang zu Saatgut haben? Ich befürchte insbesondere stark steigende Preise und eine Forschung, die sich zunehmend auf Kulturen mit den rentabelsten Absatzmöglichkeiten konzentriert.

Ausserdem darf dies keinesfalls als rein Walliser Angelegenheit betrachtet werden. Das Kompetenzzentrum befindet sich im Wallis, weil die Bedingungen im Berggebiet dort besondere Forschungsarbeiten ermöglichen. Davon profitiert jedoch die gesamte Schweizer Branche. Dieses Know-how im Bereich der Aroma- und Heilpflanzen aus Berggebieten ist weit über unsere Landesgrenzen hinaus anerkannt.

Diesen Forschungsbereich zu schliessen, ist ein wenig so, als würde man gleichzeitig eine Universität und eine Bibliothek schliessen. Aroma- und Heilpflanzen stellen zwar einen kleinen Markt dar. Für unsere Bergregionen besitzen sie jedoch ein enormes Potenzial. Dieses Wissen wurde über Jahrzehnte aufgebaut. Wenn wir es heute verschwinden lassen, wird es morgen äusserst schwierig sein, es wieder aufzubauen.»

«Die agronomische Forschung ist der Grundpfeiler der gesamten Branche»

Julien Héritier, Mediplant

«Die agronomische Forschung bildet den Grundpfeiler der gesamten Branche der Aroma- und Heilpflanzen. Ihre Abschaffung könnte die gesamte Wertschöpfungskette schwächen oder sogar zu ihrem schrittweisen Zusammenbruch führen – von den Produzentinnen und Produzenten über die Verarbeitungsbetriebe bis hin zu den Akteuren, die die Produkte auf den Markt bringen.

Der Schweizer Markt könnte zwar weiterhin versorgt werden, wäre dann aber stärker von ausländischen Lieferanten abhängig. Gleichzeitig bestünde die Gefahr, dass ein Schweizer Know-how nach und nach verloren geht, das während 45 Jahren Forschung, Innovation und Entwicklung aufgebaut wurde. Es geht somit nicht nur um die Produktion, sondern um ein ganzes Erbe an Wissen, Kompetenzen und Fachkenntnissen.»

«Dieses Fachwissen lässt sich derzeit nicht ersetzen»

Philippe Meuwly, Pharmalp

«Der Entscheid von Agroscope, sämtliche Forschungsaktivitäten im Bereich der Aroma- und Heilpflanzen einzustellen, ist tatsächlich höchst problematisch. Der Wirtschaftssektor, der Heilpflanzen – wie Pharmalp etwa in Form von Nahrungsergänzungsmitteln – verwertet, wird von diesem Entscheid stark betroffen sein. Uns werden damit entscheidende Kompetenzen bei der Selektion und Domestizierung von Sorten und Pflanzen entzogen, die für die Gesundheit von Nutzen sind.

Im Rahmen von Forschungsprojekten, die von Pharmalp, der Walliser Stiftung The Ark und Innosuisse kofinanziert wurden, konnten wir in der Vergangenheit vom Fachwissen der Agroscope-Expertinnen und -Experten profitieren. So wurde eine kleinblütige Weidenröschenart selektiert, auf deren Grundlage wir mehrere Produkte für die Frauengesundheit und Mundgesundheit sowie ein innovatives Patent im Bereich vaginaler und oraler Infektionen mit C. albicans entwickeln konnten. Aus dieser Forschungsarbeit sind Produkte entstanden, die heute in der Schweiz sowie in mehreren Exportmärkten wie China, Hongkong, Jordanien und Rumänien vertrieben werden.

Ein solches Fachwissen kann derzeit leider nicht durch andere Organisationen ersetzt werden. Die Wettbewerbsfähigkeit der Schweiz im dynamischen Bereich der Nahrungsergänzungsmittel und Phytopharmaka würde erheblich darunter leiden.

Sollte dieser Entscheid bestätigt werden, wäre dies ein Zeichen mangelnder Weitsicht der Politik. Die Schweizer Landwirtschaft würde damit Entwicklungskapazitäten in einem der wenigen Bereiche aufgeben, die sowohl für die Schweizer Binnenwirtschaft als auch für den Export eine hohe Wertschöpfung bieten.»

«Dieses lebendige Wissen findet man nicht einfach im Internet»

Lukas Sarbach, Ceres Heilmittel AG

«Es macht mich nicht nur traurig, sondern auch wütend, dass Entscheidungsträger gerade in einem derart entscheidenden Moment solche Entscheide treffen. Sparmassnahmen in einem so wichtigen Bereich sind völlig falsch. Gerade jetzt, wo sich der Klimawandel immer deutlicher auf unsere Region, unsere Umwelt und unsere Wirtschaft auswirkt, müsste genau das Gegenteil geschehen.

Mit der Schliessung dieses Forschungsbereichs bei Agroscope verlieren wir eine äusserst wichtige Forschungsstruktur, die gerade in dieser schwierigen Zeit eine zentrale Rolle spielt – auch für mich als Produktionsleiter bei Ceres Heilmittel AG.

Ich stand häufig mit dieser Forschungsstelle von Agroscope in Kontakt. Wir haben beispielsweise gemeinsam Sortenversuche durchgeführt. Sie war für uns zudem eine wertvolle Informationsquelle bei Fragen zu Krankheiten, Schädlingen, Einsatzmöglichkeiten von Pflanzenschutzmitteln und vielem mehr. Dieses lebendige Wissen ist nicht einfach im Internet zu finden – und noch weniger durch KI zu ersetzen. Wie gesagt: Ich finde diesen Entscheid skandalös und schockierend.»

«Die Forschung trägt zur internationalen Bekanntheit des Know-hows im Bereich der Alpenpflanzen bei»

Sarah Schneider, PhytoArk

«Hier droht weit mehr verloren zu gehen als eine Forschungstätigkeit: Es geht um ein wesentliches Glied eines Ökosystems, das über 45 Jahre hinweg aufgebaut wurde. Im Wallis verbindet dieses Fachwissen Forschung, Produktion, Extraktion und industrielle Verwertung innerhalb einer besonders gut strukturierten Wertschöpfungskette.

Es trägt zudem zur internationalen Bekanntheit der Alpenpflanzen und des Schweizer Know-hows in diesem Bereich bei. Eine solche Expertise lässt sich nicht kurzfristig ersetzen. Sie beruht auf Fachkompetenzen, Pflanzenmaterial sowie auf jahrzehntelang aufgebautem Wissen und Beziehungen innerhalb der Branche – und dies gerade zu einem Zeitpunkt, an dem sich die Branche an den Klimawandel anpassen muss.»

«Die Forschung ist eine zentrale Säule der Branche»

Severin Hellmüller, FiBL

«Agroscope verfügt über langjährige Forschungserfahrung im Bereich der Aroma- und Heilpflanzen. Ein Wegfall dieser Forschungsaktivitäten würde nicht nur einen bedeutenden Wissensverlust für die gesamte Branche bedeuten, sondern auch die konkrete Gefahr mit sich bringen, wichtige nationale und internationale Kontakte und Netzwerke zu verlieren.

Die Zusammenarbeit mit den Kolleginnen und Kollegen von Agroscope ist ein wichtiger Bestandteil unserer eigenen Forschungstätigkeit. Wir würden den Verlust dieses wichtigen und wertvollen Austauschs sehr bedauern.

Die Forschung ist eine zentrale Säule der Branche. Gerade angesichts der sich rasch und stark verändernden klimatischen Bedingungen trägt sie wesentlich dazu bei, die Schweizer Produktion von Aroma- und Heilpflanzen resilient, wettbewerbsfähig und innovativ zu halten.»

Claire Berbain, FiBL

Weiterführende Informationen 

Diese Sammlung von Stimmen aus der Branche knüpft an den Artikel über Aroma- und Heilpflanzen im Bioaktuell Magazin 8|26 an (Seiten 18 und 19).

Hinweis: Dies ist eine tagesaktuelle Meldung. Sie wird nicht aktualisiert.

Möchten Sie die Website zum Home-Bildschirm hinzufügen?
tippen und dann zum Befehl zum Home-Bildschirm hinzufügen nach unten scrollen.